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Der Krieg der Nato in Jugoslawien

Tagesberichte über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe

59. Kriegstag - 21.5.1999

Kriegsbilanz nach acht Wochen

In acht Wochen des Krieges gegen Jugoslawien hat die Nato bis Donnerstag morgen nach eigenen Angaben 21.784 Ziele angegriffen. Diese Zahlen verharmlosen allerdings das tatsächliche Ausmaß der Zerstörung, wenn man die ungeheure Zerstörungskraft der eingesetzten Waffen berücksichtigt. So zerstören die eingesetzten Streubomben (Clusterbomben) eine Fläche von mehreren hundert Quadratmetern. Die Sprengkraft einer einzigen der in Jugoslawien eingesetzten GBU-12-Bomben entspricht der Wirkung von 176.000 Pfund Bomben, wie sie im Vietnam-Krieg eingesetzt wurden.

Bei diesen Angriffen starben nach Angaben der Belgrader Regierung mindestens 1.200 Zivilisten und mehr als 5.000 wurden schwer verletzt. Das waren keine "Versehen" oder "Fehlschläge", sondern die Folge eines systematischen Terrors gegenüber der Bevölkerung, um diese zu zermürben und gegen die Milosevic-Regierung aufzubringen. Bei 446 Einsätzen in der vergangenen Nacht wurde ein Krankenhaus in Belgrad schwer getroffen und vier Menschen getötet.

Beinahe vollständig zerstört sind die Industriegebiete in Belgrad, Kragujevac, Novi Sad und Nis. Insgesamt sind ungefähr 1 Million Menschen arbeitslos geworden. Weitreichende Folgen für die gesamte Volkswirtschaft hat die Zerstörung der Infrastruktur. Der Nato-Sprecher Shea erklärte beim Briefing vom 18.5., daß sämtliche Hauptstraßen und Eisenbahnlinien unterbrochen sind. Fast dreißig Brücken wurden zerstört. Dadurch wurde die Donauschiffahrt völlig lahmgelegt. Die Autobahntransitstrecke nach Norden (Kroatien, Slowenien, Oesterreich, Ungarn) und Süden (Bulgarien, Türkei, Mazedonien, Griechenland) ist ausgeschaltet. Auch die Eisenbahnlinie, die Jugoslawien mit dem Adriahafen Bor verbindet, wurde durch Sprengungen von den SFOR-Truppen in Bosnien unpassierbar gemacht. Die deutsche EU-Kommissarin Wulf-Mathies rechnet mit Brüsseler Milliarden für den Wiederaufbau, nachdem die Brücken zerstört wurden, die mit EU-Beihilfen gebaut wurden. "Es darf nicht dazu kommen, daß die EU die Friedensschlüsse der USA bezahlt, aber an ihrem Zustandekommen nicht gleichberechtigt beteiligt ist." (WAZ 21.5.),

Durch die Zerstörung von Elektrititätswerken sind mehr als 5 Millionen Menschen zeitweise ohne Stromversorgung. Überhaupt noch nicht abzuschätzen sind die Umweltzerstörungen durch die Bombardierung der Chemieanlagen und die Verseuchung von Luft, Böden und der Donau, die sich bereits bis Bulgarien, Mazedonien und Griechenland auswirkt. (ND 20.5.)

Das alles hat nichts mit den angeblich "humanitären" Zielen des Krieges zu tun, der gemäß der Nato-Kriegspropaganda dem Schutz der Bevölkerung dienen solle. Vielmehr wurde die reaktionäre ethnische Säuberungspolitik des Milosevic-Regimes mit dem Beginn des Bombardements erheblich beschleunigt und vervielfacht. Nach Angaben des UNHCR sind nach acht Wochen Krieg insgesamt 744.000 Flüchtlinge registriert: 433.300 in Albanien, 226.800 in Mazedonien, 64.000 in Montenegro und 20.000 in Bosnien. 52.643 sind demzufolge bisher in andere Länder ausgeflogen worden.

Nach Angaben des Nato-Briefings vom 18.5. (www.nato.int.de) wurde aber auch das Ziel der militärischen Unterwerfung Jugoslawiens durch die Luftangriffe bisher nicht erreicht. So seien bisher erst 31% der schweren serbischen Truppen im Kosovo und 12% der mobilen Flugabwehrraketen (SAM) zerstört.

Anwachsende Massenproteste und fieberhafte Suche nach einer Verhandlungs"lösung"

In Jugoslawien wurden die Demonstrationen auch am vierten Tag fortgesetzt. (siehe Tagesberichte vom 20. und 19.5.) Laut der montenegrinischen Zeitung "Vijesti" kehrten allein am Dienstag 1.000 Soldaten in ihre Heimatstädte zurück, nachdem sie von den Demonstrationen gehört hatten. Am Mittwoch Abend habe der Befehlshaber der Dritten Armee, General Pavkovic, vergeblich versucht, die Soldaten zur straffreien Rückkehr an die Front zu veranlassen. Die Soldaten verlangten ein sofortiges Kriegsende und ihre Demobilisierung. Im Appell des Bürgerparlaments von Cacak an Milosevic heißt es: "Sie entscheiden über das Schicksal aller Völker Jugoslawiens und deswegen müssen Sie unverzüglich den Krieg stoppen." (NRZ 21.5.)

Nach der dritten Verhandlung Tschernomyrdins in Jugoslawien wurde bekannt, daß die Belgrader Regierung bereit sei, über den G-8-Plan zu verhandeln. Dabei müsse allerdings die UNO die Schlüsselrolle haben und Voraussetzung jeder politischen Vereinbarung sei das Ende der Luftangriffe. Italiens Ministerpräsidenten d`Alema will eine 72-stündige Feuerpause bei Vorliegen einer UN-Resolution beginnen. Bei den Verhandlungen geht es allerdings nicht einfach um eine "Annäherung auf der Zeitachse" oder "Synchronisierung" der verschiedenen Positionen, wie es Kanzler Schröder formulierte. (NZZ 20.5.) Der Kern ist die Unterordnung Milosevic unter das Nato-Diktat. Am Donnerstag Abend erklärte US-Präsident Clinton, Nato-Grundsätze zur Beendigung des Luftkrieges seien nicht verhandelbar. Dazu gehörten die Rückkehr der Kosovo-Flüchtlinge, der Abzug der jugoslawischen Streitkräfte aus dem Kosovo und die Stationierung einer internationalen Streitmacht unter der Leitung der Nato. Bis dahin würden die Luftangriffe fortgesetzt und es ginge lediglich um die Frage "wieviel Schaden Serbien zugefügt" würde. (dpa) Die Verhandlungen von Tschernomyrdin, US-Staatssekretär Talbott und EU-Gesandtem Ahtisaari in Moskau wurden auf nächste Woche vertagt. (n-tv)

"Sofortiger Stopp des NATO-Kriegs gegen die Völker Jugoslawiens - Jugend will Zukunft-weltweit!"

Unter diesem Motto findet am Samstag den 22.5. in Gelsenkirchen eine Internationale Demonstration zum Auftakt des 9. Internationalen Pfingstjugendtreffens statt. (Treffpunkt 10 Uhr am Musiktheater) In dem Aufruf heißt es unter anderem:"Wir treten ein für das Selbstbestimmungsrecht der Völker und Nationen. Wir verurteilen entschieden den Terror des Milosevic-Regimes. Diesen Terror können die Völker Jugoslawiens nur selbst im gemeinsamen Kampf beenden. Die beste Unterstützung, die wir den Völkern auf dem Balkan geben können ist der aktive Widerstand gegen den Krieg hier! Wir stärken die internationale Arbeitereinheit und geben nationalistischem Gedankengut keine Chance. Wir setzen uns dafür ein, die weltweit Millionen zählenden Gegner des Krieges zusammenzubringen... Es sind vor allem junge Menschen, die sich an den wöchentlichen "Dienstagsaktionen" in mittlerweile rund 50 Städten in Deutschland beteiligen."


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