29.3.2000

Woche aktuell 13/2000

Johannes Rau: Ein biblischer "Aktentaschenträger des Kapitals"

"Bruder Johannes" wird Rau von "seinen" SPD-Genossen in NRW noch heute genannt. Weniger wegen seiner Herkunft als Prediger-Sohn aus Wuppertal oder seiner noch immer zahlreichen Ehrenmitgliedschaften und Ämtern in kirchlichen Gremien, als vielmehr wegen seines Politik- und Lebens-Mottos "versöhnen statt spalten". Es sei zwar ein "penetrant nach Kirchentag schmeckender Slogan", schrieb der Spiegel anläßlich der Bundestagswahl 1987, aber keiner könne ihn so vertreten wie der (damalige) SPD-Kanzlerkandidat Rau.

Die SPD erreichte damals mit dem ganz auf Rau abgestimmten Personen-Wahlkampf 37% der Wählerstimmen eins ihrer schlechtesten Bundestagswahlergebnisse. Rau’s Motto zog vor allem bei Arbeitern nicht mehr. Nur wenige Monate später brachte der Kampf der Kruppianer in Rheinhausen endgültig zu Tage, worauf es angesichts des offenen Widerspruchs zwischen den Lebensinteressen der Arbeiter samt ihrer Familien und den Profitinteressen der Konzerne hinauslief. Mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert quittierten am 3. Mai 1988 4.000 Kruppianer Rau’s "Vermittlungsversuch", der ihren bedingungslosen Kampf um jeden Arbeitsplatz der "gestreckten Werksstillegung" unterordnen wollte.

Fortan war Rau für die Kruppianer ein "Aktentaschenträger der Kapitalisten", dessen "Versöhnen" allein die Durchsetzung der Kapitalinteressen zum Inhalt hat. Dazu beigetragen hatte auch ein abgehörtes und publiziertes Handy-Gespräch zwischen den Krupp- und Thyssen-Bossen Cromme und Kriwet. Darin kam zum Vorschein, wie Rau und die gesamte SPD-Führung in NRW entgegen ihren öffentlichen Solidaritätsbekundungen mit den Stahlarbeitern nach der Pfeife der Monopole tanzten. Es folgten Polizeidurchsuchungen wegen der brisanten Tonbänder, Medienmanipulationen mit gefälschten Protokollen aus der Düsseldorfer Staatskanzlei sowie die Abmahnung und Strafversetzung des WDR-Redakteurs, der die Tonbänder gesendet hatte.

Als jüngster Abgeordneter war Rau 1958 bereits mit 27 Jahren in den Landtag eingezogen, Landesminister wurde er mit 39 Jahren und mit 41 Jahren Ministerpräsident. Mit 51 heiratete Rau die Tochter eines millionenschweren Textilunternehmers und Enkelin seines politischen Ziehvaters, des ehemaligen Bundespräsidenten Heinemann. Friedhelm Fahrtmann, Rau’s langjähriger "Mann für’s Grobe" weiß: "Ein Politiker muß Machtwillen und Instinkt für Macht haben. (...) Rau verbirgt seine Machtpolitik hinter Jovialität, Bibelsprüchen, Witzen, vielen persönlichen Anekdoten. Er hat es meisterlich verstanden, auch dem kleinen Funktionär das Gefühl der Wichtigkeit, des Ernstgenommenwerdens zu geben. Auf diesem Klavier konnte er spielen wie kein anderer."

Zu dieser Art der Machtpolitik gehörten auch, wie Fahrtmann zu berichten weiß, "Kabinettsitzungen bis zur physischen Erschöpfung". Vor allem dann, wenn einer seiner Zöglinge Clement, Hombach oder Behrens gegen die Hackordnung aufmuckte: "Er hat keine echten Freunde. Ich bezweifel es. Ich kenne keine."

Dafür pflegte Rau einen Personenkult ohne gleichen: "Wir gratulieren Johannes Rau zu seinem 63.Geburtag", lies er die SPD zum Parteitag 1994 in Aachen plakatieren. Zu seinem 65. Geburtstag lies sich Rau von 1.800 Gästen in der Wuppertaler Stadthalle feiern, gesponsert von seinem ehemaligen Gefährten aus Juso-Zeiten, dem heutigen Chef der WestLB Neuber. Mit dem "Paten" des SPD-Filzes in NRW, so der Spiegel über Neuber verbindet Rau noch heute die gemeinsame Mitgliedschaft in dem noblen "Investment-Club" der WestLB, wo Spitzenpolitiker, Banker und Wirtschaftsbosse ihre Informationen aus Aufsichtsräten und Ministerien für "Insidergeschäfte" nutzen, damit möglichst viel Geld in die eigenen Taschen fließt.

Obwohl im Aufsichtsrat der großen Lufthansa, bevorzugt Rau die luxuriöse WestLB-Flugzeugflotte für seine Reisen. Als die SPD-Wahlergebnisse in NRW für die SPD immer dünner wurden, folgte Rau im letzten Jahr dem "Ruf" ("Es war wirklich ein Ruf, keine Bewerbung", Rau über Rau) in das Schloß Bellevue nach Berlin als Bundespräsident. Mit seiner Verstrickung in die "Flugaffäre" gebührt ihm das Verdienst, auch des hehre Amt des Bundespräsidenten in den Sumpf der Korruption gezogen zu haben. Heute sinnt er darüber nach, ob es denn immer geschickt war, mit WestLB-Flügen regierungsamtliche, parteipolitische, kirchliche und private Termine zu "versöhnen". Dabei bleibt fraglich, ob seine Hoffnung in Erfüllung geht: "Wenn Sie, wie ich, 40 Jahre lang vor aller Augen ein affärenfreies politisches Leben geführt haben, dann kann man darauf bauen, daß einem die Menschen in ihrer Mehrheit weiter vertrauen."

Quellen: Munzinger-archiv; F. Fahrtmann "Blick voraus in Zorn", RF 17/89, Der Spiegel 51/99, WAZ 15.1.2000, Gehard Schröder "Der Weg nach oben"

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