"Für bessere Öffentliche Sicherheit in der offenen Gesellschaft Bundesrepublik Deutschland - gegen den Marsch in den Überwachungsstaat"

Unter diesem Titel veröffentlichte am 16.Oktober die PDS ihre Vorschläge zur "Inneren Sicherheit". Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der PDS-Bundestagsfraktion, setzt sich in einem Artikel der Zeitung junge Welt vom 22.10. kritisch mit einigen Aussagen des Diskussionspapiers auseinander. (Auszüge)

"(...) ’Terrorismus ist ein Verbrechen und deshalb Angelegenheit der Strafverfolgung, der Polizei und Justiz’, stellen Petra Pau und Katina Schubert fest, um dann zu fordern: ‘Möglichst schnell sollte die Terrorkonvention der Vereinten Nationen die rechtliche Grundlage für die Bekämpfung des Terrorismus ... werden’. Welche (Anti-)Terrorkonvention der UNO ist hier gemeint? Wahrscheinlich diejenige, die auf einen Vorschlag Indiens zurückgeht und seit einigen Jahren in den zuständigen Gremien der UN-Generalversammlung beraten wird. (...) Die USA lehnen zum Beispiel schon den Gedanken, es könne so etwas wie Staatsterrorismus geben, strikt ab. Umstritten ist auch, ob zu ‘Terrorismus’ auch die Terrorisierung von Staaten und Menschen durch internationale Konzerne gerechnet werden soll. Die Verantwortlichen des US-Chemiekonzerns, der für das furchtbare Chemie-Unglück von Bophal verantwortlich ist, sind bis heute nicht nach Indien ausgeliefert worden. Gleiches gilt für internationale Banken und den IWF, die durch Finanzspekulationen ganze Gesellschaften in soziale Not stürzen.

Auf der Ebene der Europäischen Union beraten die Innen- und Justizminister derzeit eine Definition von ‘Terrorismus’, bei der die ‘Einschüchterung der Bevölkerung’ durch ‘widerrechtliche Inbesitznahme oder Beschädigung von öffentlichen Verkehrsmitteln, der Infrastruktur, allgemein zugänglichen Orten und Eigentum’ als ‘Terror’ bewertet wird. (...) Wenn es nach der derzeit in der EU diskutierten ‘Terrorismus’-Definition geht, wären die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944 und andere Widerstandskämpfer der Nazizeit heute ‘Terroristen’, würden Nelson Mandela, der ANC und Kämpfer anderer Befreiungsbewegungen der Vergangenheit heute als ‘Terror-isten’ geächtet.‘Mittel wie Rasterfahndung betrachten wir mit erheblicher Skepsis und Kritik’, heißt es weiter in dem Papier. (...) Jede Rasterfahndung ist ein Verstoß gegen das rechtsstaatliche Gebot der Unschuldsvermutung, hebt diesen Grundsatz für viele Menschen auf und bringt sie unter Verdacht - bis hin zu polizeilichen Besuchen zu Hause und am Arbeitsplatz. 1,4 Millionen Menschen werden allein in Nordrhein-Westfalen derzeit auf diese

Weise überprüft. Würden andere Länder genauso verfahren, dann würden bundesweit etwa 7,5 Millionen Menschen ohne irgendeinen konkreten Straftatvorwurf von der Polizei überprüft. Weshalb? Weil die Polizei unter diesen Millionen Menschen eine unbekannte Zahl bisher nicht auffällig gewordener sogenannter ‘Schläfer’ vermutet, die bisher keine Straftaten begangen haben, öffentlich keine Verbindungen zu ‘Extremisten’ pflegen, hoch qualifiziert sind und möglicherweise aus islamischen Ländern stammen? Welche absurden Probleme bei der Rasterfahndung auftreten können, hat der Leiter des Brandenburger Verfassungsschutzes deutlich gemacht, als er kürzlich im Zusammenhang mit dem geplanten Ausbau seines Amtes beklagte: ‘Wir haben ein Rekrutierungsproblem. Das Profil der künftigen Mitarbeiter gleicht dem der per Rasterfahndung Gesuchten.’ (...)

Pau und Schubert schreiben: ‘Wir wollen ... sofort die Geheimdienstarbeit auf ihre eigentlichen Aufgaben, die Vorfeldaufklärung konzentrieren.’ Mit dieser Formulierung wird deutlich, dass Geheimdienste in den Augen der Autorinnen nicht überflüssig sind, sondern sehr wohl - wie auch immer definierte - sinnvolle, ‘eigentliche’ Aufgaben haben. Das wäre der Einstieg in die Akzeptanz von Verfassungsschutz- und anderen Geheimbehörden. (...)

Geheimdienste unterliegen nicht dem Legalitätsprinzip. Sie sind kaum bis gar nicht kontrollierbar. Wären sie das, wären sie nicht mehr geheim. Sie sind eine Gefahr für jede demokratische Ordnung. (...) Geheimdienste produzieren keine Sicherheit, sondern im besten Fall Skandale und Pleiten. In anderen Fällen, die wir etwa aus Thüringen kennen, sind Mitarbeiter von Geheimdiensten aktiv in schwere Straftaten verwickelt. Im schlimmsten Fall siehe bin Laden, siehe die Taliban, die Liste ist verlängerbar - produzieren die Dienste genau den Terror, vor dem sie uns nun angeblich schützen sollen."

zurück