"Geheimdienste legen Spur nach Bagdad"CIA und BND mutmaßen: Irak für
Terroranschläge und Milzbrandfälle verantwortlich.
Ist Irak in Bälde nächstes Ziel massiver US-Bombardements?
(...) Am Dienstag gingen die westlichen Geheimdienste in die mediale Offensive
und ließen verlauten, Bagdad sei »wahrscheinlich« in die Terroranschläge
auf das World Trade Center und das Pentagon »verwickelt«. Nicht nur das:
Auch hinter den Milzbrandattacken in den Vereinigten Staaten »könnte«
der Irak stecken. Diese »sehr ernst zu nehmende Vermutung« eines »hohen
CIA-Beamten« durfte gestern die deutsche Nachrichtenagentur ddp verbreiten.
Sie sekundierte damit Associated Press. Die US-Agentur zitierte Ex-CIA-Chef
James Woolsey, der glaubt, »dass die USA in ihrem Kampf gegen den Terrorismus
auch den irakischen Staatschef Saddam Hussein konfrontieren würden«.
Denn »es gibt zu viele Dinge, zu viele Beispiele von gestohlenen Identitäten,
von clever hergestellten Dokumentationen, von Koordination über Kontinente
und Staatsgrenzen hinweg, um bei dem Schluss weit daneben zu liegen, dass
ein Staat und ein sehr gut organisierter Geheimdienst darin verwickelt ist«.
Genug Beweise für die Terrorconnection nach Bagdad gebe es allerdings
nicht, räumte Woolsey ein. Den Zusammenhang zwischen den Anschlägen
in New York und Washington sowie den Anthrax-Attacken konstruieren die Geheimdienste
aus einer »bislang kaum beachteten Tatsache«: Ein Brief mit Milzbrandbakterien,
der am 9. Oktober in der kenianischen Hauptstadt Nairobi eintraf, soll bereits
drei Tage vor den Terroranschlägen vom 11. September aufgegeben worden
sein. »Da gibt es eine Linie – offenbar eine Absprache zwischen den islamistischen
Terroristen und dem Irak, der als einziger Staat über eine besonders
große Menge an chemischen und biologischen Waffen verfügt«, zitiert
ddp aus der »Ein-schätzung der Geheimdienstler«. Doch die Quellenlage
ist dünn und absurd. Der Bundesnachrichtendienst (BND) verwies am Dienstag
einmal mehr auf seine alte Studie, wonach Irak »trotz aller Verbote der
Vereinten Nationen an seinen Bemühungen um die Herstellung atomarer,
biologischer und
chemischer Waffen festgehalten hat«. 1991 habe Irak offiziell
zugegeben, über einen Vorrat von rund 355 Tonnen chemischer Kampfstoffe
zu verfügen. Heute müsse nach Untersuchungen der UN-Abrüstungsmission
UNSCOM sogar davon ausgegangen werden, dass sich die Menge der chemischen
Kampfstoffe »auf mindestens 4000 Tonnen erhöht« habe. Eine Verzehnfachung
des Tötungspotentials ausgerechnet während der langjährigen
Überwachung durch die Vereinten Nationen und jahrelanger Totalblockade
der irakischen Wirtschaft? Was der BND zudem nicht zu wissen scheint:
Milzbrandbakterien fallen in die Kategorie biologischer, nicht chemischer
Kampfstoffe. Scott Ritter, von 1991 bis 1998 als UNO-Waffeninspekteur
im Irak tätig und seinerzeit energischer Befürworter von Angriffen
auf das Zweistromland, widerspricht denn auch energisch der mutmaßlichen
Geheimdienstspur nach Bagdad. »Die Ängste, wonach die heimliche Hand
von Saddam Hussein hinter den Attacken steckt, basieren auf Gerüchten
und Spekulationen.« Bei genauer Betrachtung seien diese als gewichtige
Anschuldigung nicht haltbar, schrieb Ritter im Londoner Guardian. »Das
biologische Waffenprogramm des Irak wurde während Hunderter nicht-angekündigter
Inspektionen demontiert und zerstört oder als ungefährlich zurückgelassen.«
Es gebe keinen nachprüfbaren Beweis, dass Irak etwas mit den Anthrax-Fällen
zu tun hat, so Ritter. Hans von Sponeck, der von 1998 bis 2000 das humanitäre
Hilfsprogramm der Vereinten Nationen im Irak leitete, stimmt Ritters Schlussfolgerungen
zu. »Die Tragödie vom 11. September und die Milzbrand-Anschläge
mit Bagdad in Verbindung zu bringen ist ein übler Versuch, eine Rechtfertigung
für neuerliche Angriffe auf Irak zu finden«, erklärte der UNO-Diplomat
gegenüber dem Internetmagazin The Progressive. Mit diesen
solle zu Ende geführt werden, was 1991 als »unerledigte Arbeit« liegengeblieben
sei. Problematisch für die geheimdienstliche Indizienkette gegen
Bagdad ist zudem die Tatsache, daß die bisher aufgetauchten Milzbrandbakterien
zum Stamm »Ames« gehören sollen. Über diesen verfügt Irak
aber gar nicht, bestätigt Ex-Waffeninspekteur Ritter. Sehr wohl aber
die USA. Doch auch politische Gründe sprechen gegen eine Beteiligung
des Irak an internationalen Bioterror-Attacken. Damit würde ein Ziel
unterminiert, auf das Bagdad seit zehn Jahren mit höchster Priorität
hinarbeitet: die Aufhebung der tödlichen Wirtschaftssanktionen."
(junge Welt 24.10.01) |