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"Welche Ziele in Sharons Anti-Terror-Krieg?" schreibt die Neue Zürcher Zeitung (11.12.01) Autonomiegebiete für
irgend welche diplomati-schen Initiativen verlassen, seit Sharons Kabinett
ihm die Ausreise am Sonntag verboten hat. Im Kontrast zu seinen Versicherungen
vor der Presse soll der israelische Regierungschef seinem türki-schen
Amtskollegen Ecevit telefonisch anvertraut haben, er möchte Arafat
überhaupt loswerden. Die Luftwaffe hat acht Kasernen von palästinensi-schen
Polizeikräften oder Geheimdiensten in Trümmer gelegt und kann
deren Bewegungen zwischen den autonomen Ortschaften beliebig un-terbinden.
Und der amerikanische Vermittler, Ge-neral Zinni, welcher auf absehbare
Zeit die einzige Aussicht auf einen politischen Ausweg zu dem von Bush
versprochenen Palästinenserstaat bieten kann, drohte am Wochenende
mangels Erfolgs mit seiner Abreise. Unter Ausnutzung der internationalen Anti-Terror-Kampagne hat Sharon den Osloer Friedenspro-zess so umgeschmiedet, dass aus der palästinen-sischen Autonomie ein Sicherheitsapparat nach Israels Bedürfnissen werden soll, ohne dass Israel auch nur eine einzige politische Konzession ge-währen müsste. Und mit seinen unermüdlichen Anschuldigungen, wonach Arafat direkt für alle Terrorakte und Angriffe auf israelische Soldaten oder Siedler verantwortlich ist, vernebelt er die ei-ne grundlegende Tatsache: In seinem Anti-Terror-Krieg greift Israel fast nie die Terroristen an, son-dern die palästinensischen Institutionen, welche diese bekämpfen sollten. Seit dem Beginn der Kampagne am 3. Dezember bombardierten israe-lische F-16-Kampfflugzeuge und Helikopter die Kasernen der Sicherheitskräfte und des Geheim-dienstes mitten in der Stadt Gaza, in Khan Yunis, Rafah, Ramallah und Jenin sowie die Umgebung von Arafats Amtssitzen in Gaza und Ramallah, während Bulldozer die Pisten des Flughafens im Gazastreifen zerstörten. Am Wochenende er-schoss
die Armee zwei Fatah-Kämpfer, und im Dorf Anabta bei Tulkarem nahm
sie bei einem zehnstündigen Vorstoß, während dessen die
Sol-daten vier palästinensische Polizisten in ihrem Fahrzeug mit
Schüssen töteten, 40 palästinensi-sche Sicherheitsleute
fest. Wären da nicht
frankierende Erklärungen israeli-scher Journalisten, gemäss
denen sich eine Reihe von palästinensischen Sicherheitskräften
zu den Untergrundmilizen geschlagen haben, so wäre außer einem
massiven Erpressungsmanöver ge-gen Arafat kein direktes militärisches
Ziel von Sharons Kampagne auszumachen. Dass der weidwunde Autonomiechef
wenn nötig immer noch Hamas- und Jihad-Militante verhaften kann,
hat er in der letzten Woche durch 178 Festnah-men bewiesen. Doch dass
er eine breit abge-stützte nationalistische Bewegung wie Hamas zur
klaren Ausgrenzung der Terroristen, im harten Kern der Kassam-Brigaden,
und zur Aufgabe jeg-licher Angriffe gegen israelische Zivilisten zwingen
kann, ist äußerst zweifelhaft. Um die Terroristen endgültig
zu marginalisieren, benötigt er ein sozia-les Klima des Aufschwungs
in welchem sie nicht mehr florieren können. Und dieses kann er allein,
ohne die massive Beihilfe Israels und Amerikas zur Schaffung eines lebensfähigen
Palästinenser-staats, nicht liefern. Indirekte politische Einwirkun-gen
von Sharons Kampagne sind hingegen un-schwer am Muster des israelischen
Vorgehens abzulesen. Die materielle Zertrümmerung
der wichtigsten In-stitutionen der Autonomiebehörden hat Arafat nach
Ansicht aller Kenner auf den Tiefpunkt seiner bisherigen Karriere als
"Rais" gestürzt und mit ihm natürlich die durch ihn
verkörperte Keimzelle Palästinas. Sharons immer härtere
Kollektivstrafen sprechen an sich dem Prinzip eines Fortschritts mittels
Verhandlungen Hohn. Schon heute können die verschiedenen Minister
des palästinensischen Kabinetts wegen der allgegenwärtigen israeli-schen
Straßensperren gar nicht mehr zusammen-treten. Ist Arafat erst einmal
auf das Format eines Lokalbonzen in Ramallah reduziert und seine Poli-zei-
und Spitzelmacht auseinander getrieben, so bleibt gar keine legitime Instanz
mehr, welche die nationalen Aspirationen einer Mehrheit der Paläs-tinenser
vertreten könnte. Hinweise einer Zersetzung
der Palästinenserbe-hörde fehlen nicht. So mischten sich am
späten Sonntag vier Untergrundgruppen der Fatah- und der Hamas-Bewegung
in die grosse Politik ein, in-dem sie eigenmächtig einen Waffenstillstand
für Terrorangriffe bis zum Ende des Monats Ramadan erklärten
- nur um das auch sogleich wieder zu widerrufen. Am 5. November hatte
kein Geringerer als der Geheimdienstchef von Gaza, Mohammed Dahlan, aus
Protest gegen Arafats falsche Politik den Rücktritt eingereicht,
den er kurz darauf je-doch wieder zurücknehmen musste. Offenbar ist
eine ganze junge Garde von Fatah-Aktivisten der Ansicht, der ganze Oslo-Prozess
habe sich als Misserfolg erwiesen und als Ausweg bleibe einzig die Weiterführung
der Intifada. Die Hamas-Führer werben ohnehin seit Jahren mit dem
Postulat der gewaltsamen Befreiung von ganz Palästina. (NZZ 11.12.01) |