Berliner Aufruf: Internationalen Terrorismus mit zivilisierten Mitteln
bekämpfen (Auszüge)
(Der Aufruf ist vollständig unter www.berliner-aufruf.de
zu finden)
"Die verheerenden Terroranschläge in den USA stellen
eine Herausforderung dar, Grundwerte aller Zivilisationen zu verteidigen
- gegen den internationalen Terrorismus, aber auch gegen eine selbstzerstörerische
Überreaktion. (...)
Wir trauern um die Opfer der Anschläge. Unser Mitgefühl
gilt den Verletzten und den Angehörigen. Wir haben Verständnis
für Wut und Zorn. Aber unsere Trauer ist kein Ruf nach Krieg. Angesichts
der neuen Dimension des internationalen Terrorismus treten wir mit Nachdruck
dafür ein, ihn wirksam und konsequent zu bekämpfen. (...) Die
Reaktion auf die Terroranschläge muss daher in ihrer Gesamtstrategie
wie ihren einzelnen Schritten folgende zivilisierte Maßstäbe
einhalten:
1) Aus gutem Grund duldet das Völkerrecht
keine Rache, Vergeltung oder Strafaktion. Gewalt ist nur als Notwehr oder
Nothilfe legitim. (...)
2) Absoluten Vorrang müssen politische und wirtschaftliche
Maßnahmen zur Unterstützung der Zivilbevölkerung und Bündnispartner
in der Region haben. (...)
3) Politische Maßnahmen müssen im Sinne der Verhältnismäßigkeit
auch bei den Maßnahmen gegen die Urheber der Terroranschläge
oder ggf. ihre Helfer den Vorrang innehaben. Der internationale Terrorismus
ist in jedweder Hinsicht einer weltweiten politischen Ächtung zu
unterziehen. Für eine international akzeptierte Behandlung gefasster
Täter ist die Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH)
schleunigst voranzutreiben. Insbesondere gegenüber Staaten kommen
als weitere geeignete Mittel Ultimaten, konsequente Blockaden - auch von
militärischen Kräften durchgeführt -, Boykotte und Sanktionen
in Frage. (...) In weltweit koordinierten Ermittlungen gegen die Terrornetzwerke
und ihre Finanzquellen liegen neben der internationalen Kooperation und
Prävention zur Beseitigung der Konfliktursachen die wirksamsten Waffen
gegen den internationalen Terrorismus. Verbesserte Sicherheitsstandards
in ausgewählten Bereichen, internationale Zusammenarbeit und bessere
technische Ausstattung der Ermittlungsbehörden sowie gezielte Fahndungen
treffen internationale Terrornetzwerke an verwundbaren Stellen. (...)
Im gezielten Aufspüren und Ausheben global verzweigter Terrornetzwerke
liegt eine der Hauptaufgaben, und nicht beim Militär. (...)
4) Militärische Kampfmaßnahmen haben in einer Strategie,
die sich der genannten Ansätze bedient, nur dann einen Platz, wenn
ihnen gegenüber den vorrangigen Maßnahmen noch ein eigenes
Anwendungsfeld verbleibt, wenn sie die anderen Mittel nicht beeinträchtigen
und wenn sie nicht zu vermeidbaren Opfern führen. Einerseits können
solche Maßnahmen zur Vermeidung weiterer Anschläge durchaus
angebracht erscheinen. Andererseits können sie weitere Anschläge
gerade provozieren, die Region destabilisieren und bereits unmittelbar
viele Menschenleben kosten. Beide Risiken sind in dieser Frage von Leben
und Tod abzuwägen, unter Bedingungen zum Teil unsicheren Wissens
über die Folgen. Uns eint jedoch eine Beurteilung dieser schwierigen
Frage: Jeder Militäreinsatz, der Zivilisten gefährdet ("Kollateralschäden"),
der Bomben oder Raketen in Städten oder bewohnten Gebieten vorsieht,
der zu Kämpfen von Bodentruppen über kleine Spezialeinheiten
hinaus führt, der Flüchtlingsmassen in Elend und Hungertod treibt,
jeder Krieg, Stellvertreter- und Bürgerkrieg ist im Rahmen einer
Gesamtstrategie ein ungeeignetes, ja kontraproduktives Mittel, das viele
Menschenleben kostet und deshalb weiteren Hass sät, zu einer abenteuerlichen
Eskalation führt und möglicherweise weiteren Terror anheizt,
anstatt ihn zu ersticken. (...) Er ist am wirksamsten ohne Eskalation
niederzuringen. Die Bundesregierung sollte die USA und ihre anderen Bündnispartner
im Rahmen der Vereinten Nationen und der NATO sowie bilateral für
eine Strategie der Terrorbekämpfung unter Einhaltung der genannten
zivilisatorischen Prinzipien zu gewinnen suchen. (...)
Unterschrieben haben diesen Aufruf unter anderem: Prof.
Dr. Elmar Altvater, Politikwissenschaftler; Dr. Nasrin Bassiri, Journalistin
und Publizistin; Margarete Bause, Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die
Grünen Bayern; Andreas Braun, Landesvorsitzender von Bündnis
90/Die Grünen Baden-Württemberg ; Prof. Dr. Michael Brumlik,
Erziehungswissenschaftler; Dr. Roland Claus, Mitglied des Bundestages,
Vorsitzender der Fraktion der PDS; Günter Gaus, Staatssekretär
a. D., Publizist; Prof. Dr. Walter Jens, Universitätsprofessor und
Schriftsteller; Hinrich Kuessner, Präsident des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern;
Margret Mönig-Raane, stv. Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft
ver.di; Petra Pau, Mitglied des Bundestages (PDS), Landesvorsitzende der
PDS Berlin ; Dr. Antje Vollmer, Mitglied des Bundestages (Bündnis
90/Die Grünen) Martin Walser, Schriftsteller Christa Wolf, Schriftstellerin