Auszug aus einem Gespräch mit Ernst-Otto Czempiel, Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung,
über internationale Konsequenzen der Terroranschläge

(Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 11/2001)

Blätter: Wie ist die strategische Position der Amerikaner im Vergleich zu der der Sowjetunion ab 1979 zu bewerten? Die USA haben die Modjahedin finanziert und sie mit Waffen versorgt, etwa Stinger-Raketen. Die Taliban haben keine Alliierten mehr. Die Ausgangsbedingungen scheinen also sehr viel besser zu sein.

Czempiel: Ich weiß nicht, ob diese Sicht richtig ist. Wenn die Taliban abgesetzt werden sollen, muss einmarschiert werden. Dazu müssten die Amerikaner Tausende von Kilometer überwinden, die Sowjets standen direkt an der Grenze und hatten sehr gute Nachschubmöglichkeiten. Darüber hinaus verfügten sie über Soldaten, zum Beispiel Usbeken, die eine der beiden Landessprachen beherrschten. Die strategische Position war also ungleich besser. Die sowjetische Intervention in Afghanistan scheiterte vor allem daran, dass die sowjetischen Bodentruppen keine Chance gegen die Partisanen hatten. Die Amerikaner würden sich in den Schluchten des Hindukusch kaum besser ausnehmen. Selbst wenn wir annehmen, die Taliban würden vertrieben und die Nordallianz in Kabul installiert werden, ist kaum zu erwarten, dass die verbliebenen Taliban-Kämpfer nach einem Abzug der Amerikaner einfach zuschauen würden. Der Bürgerkrieg ginge vermutlich in die nächste Runde.

Blätter: Vielfach wird angenommen, die Taliban könnten es bei einer Intervention von außen zu neuer Popularität als Verteidiger der nationalen Sache bringen.

Czempiel: Das sieht auch die Nordallianz so. Die sagt: Die Absetzung der Taliban, das machen wir und nicht die Amerikaner. Wenn die Amerikaner einmarschieren, sind wir alle Afghanen.

Blätter: Kann die Doppelstrategie mit Zuckerbrot für das afghanische Volk und Peitsche für die Taliban-Führung funktionieren?

Czempiel: Nein. Die nachfolgenden Rosinen werden den Eindruck der voran gegangenen Bomben und Cruise Missiles nicht auslöschen. So groß der Widerstand vieler Afghanen gegen die Taliban auch sein mag, die Ablehnung einer erneuerten gewaltsamen Supermacht-Intervention dürfte erheblich größer sein. Sie könnte eine nationalistische Solidarisierung mit den Taliban auslösen. Vor allem darin, wenn es zum Einsatz amerikanischer Bodentruppen oder zu dem Versuch kommt, von außen eine Nach-Taliban-Regierung einzusetzen. Die Erfahrungen von Vietnam und Somalia (und der Sowjets in Afghanistan) lassen keine anderen Erwartungen zu.

Blätter: Zu den Standardfloskeln nach den Terroranschlägen in den USA gehörte die, dass nach dem 11. September nichts mehr so sei wie zuvor. Ist das Panikmache? Was hat sich wirklich geändert?

Czempiel: Der 11. September hat überhaupt nichts geändert. Er hat nur schlagartig deutlich gemacht, wie viele sich bis dahin schon geändert hatte. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Staatenwelt hatte sich zur Gesellschaftswelt entwickelt. Das interessante ist, dass gesellschaftliche Gruppen, nämlich Terroristen, agiert haben und nicht Staaten, auch nicht der afghanische Staat, denn die Täter kamen quer aus der arabischen Welt. Wir hatten schon einen grundlegend veränderten Weltzustand, es hat ihn nur niemand wahrgenommen. Der 11. September bietet eine traurige Aufnahme der Welt, wie sie wirklich ist.

zurück