"Dubiose Kontakte zwischen Washington und den Taliban"

von P. Abramovici
(Le Monde diplomatique, Januar 2002)


"Nach Auffassung mancher Beobachter grenzen die Petersberger Blitzverhandlungen an ein Wunder. In-nerhalb kürzester Zeit einigten sich die betroffenen Parteien mit dem Segen der Vereinten Nationen, der internationalen Staatengemeinschaft und der USA. Doch das angebliche Wunder hat seine Ursachen. Hätten nicht bereits zuvor Treffen stattgefunden, wä-re es kaum möglich gewesen - vor allem angesichts der Lage nach dem 11. September -, sämtliche ver-feindeten Gruppierungen an einem runden Tisch zu versammeln und ein Abkommen zustande zu brin-gen. Die Gespräche sind schon jahrelang im Gang, und über die Pläne, die angeblich erst im Zusam-menhang mit dem 11. September vorgelegt wurden, wird bereits seit über drei Jahren diskutiert. (...)
Entgegen dem Vorwurf, sie hätten Afghanistan 'fal-len gelassen', interessierten sich die Vereinigten Staaten tatsächlich schon sehr bald wieder [nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen] für das Land, und zwar wegen seiner geografischen Nähe zum Kaspischen Meer das als neue Schatzgrube fossiler Energien gilt.

Schon im Juni 1990 etabliert sich Chevron nach einer wüsten Rangelei unter den Mineralölgesellschaften im seinerzeit noch sowjeti-schen Kasachstan. Die Konzerne betreiben intensive Lobbyarbeit und rekrutieren Berater unterschiedlichster Provenienz, darunter Richard Cheney, ehemaliger Verteidigungsminister unter Bush senior und späterer Vizepräsident von Bush junior, und der höchst aktive Zbigniew Brzezinski, früher Sicherheitsberater von Präsident Carter, Berater bei Amoco und langjähriger Förderer von Clintons künftiger Außenministerin Albright.

Aus denselben Gründen beginnt sich auch das Pen-tagon in den ehemaligen Sowjetrepubliken einzunis-ten, mit deren Erdölreserven die USA energiepoli-tisch auf Dauer weniger abhängig von den Golfstaa-ten werden wollen. Unter dem Vorwand eines 'hu-manitären' Einsatzes ... unterzeichneten die Verei-nigten Staaten 1996 erst mit Usbekistan, dem mäch-tigsten Land der Region, danach mit Kasachstan und Kirgisistan das so genannte Centrasbat- (Cent-ral Asia Batallion) Abkommen. Diese drei Länder veranstalteten 1997 und 1998 einige Truppenübun-gen, und im Ausbildungszentrum der US-Eliteeinheiten in Fort Bragg wurden Soldaten vor al-lem usbekische, trainiert. Beunruhigt über diese ver-stärkte militärische Kooperation an den Grenzen ih-res Landes, schickten die Russen ab 1998 Manö-verbeobachter.

Zwei Mineralölgesellschaften - die zwölftgrößte US-Gesellschaft Unocal und die argentinische Bridas - konkurrieren um das ehrgeizige Projekt einer Pipeli-ne, die von Turkmenistan durch Afghanistan nach Pakistan gehen soll. 'Die einzig mögliche Route', so John J. Maresca, internationaler Vizepräsident der Unocal, vor einem Ausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses. (...) Und nach einer intensi-ven Kampagne der Lobbyisten, die auf Initiative der US-amerikanischen Behörden geführt wird, unter-zeichnet der turkmenische Präsident am 21. Oktober mit Unocal 1) einen Vertrag über den Bau der afgha-nischen Pipeline. Doch zuvor muss die Stabilität Af-ghanistans gesichert sein. Im Januar 1995, der Krieg ist in vollem Gange, treten die ersten größeren Gruppen von Taliban-Kämpfern in Erscheinung: Sie sind eine Schöpfung des pakistanischen Geheim-dienstes und werden vermutlich von der CIA und Saudi-Arabien finanziert. Es wird sogar behauptet, dass Unocal zusammen mit dem saudischen Partner Delta Oil beim 'Einkauf' örtlicher Kommandanten ei-ne große Rolle gespielt habe. 2) Die Sicherung Af-ghanistans ist offenkundig die einzige Funktion die-ser Kämpfer.

Am 26. September 1996 erobern die Taliban Kabul. Michael Bearden, Vertreter der CIA in Afghanistan während des Kriegs gegen die Sowjets (und heute halboffizieller Sprecher der CIA), gibt die damalige Stimmung bei den Amerikanern wieder: 'Diese Ty-pen [die Taliban] waren nicht einmal die schlimms-ten, etwas hitzige junge Leute, aber das war immer noch besser als der Bürgerkrieg. Sie kontrollierten das gesamte Gebiet zwischen Pakistan und den Erdgasfeldern Turkmenistans. Vielleicht war das doch eine ganz gute Idee, - dachten wir, wenn wir eine Erdölpipeline durch Afghanistan bauen und das Gas und die Rohstoffe auf den neuen Markt beför-dern können. Alle wären zufrieden.' 3)

Chris Taggart, Vizepräsident von Unocal, machte keinen Hehl daraus, dass seine Gesellschaft die Ta-liban unterstützt. Er bezeichnete ihren Vormarsch als 'positive Entwicklung' und versicherte, dass 'die jüngsten Ereignisse sich vermutlich vorteilhaft auf das Projekt [der Pipeline] auswirken' werden. Man rechne sogar mit der Anerkennung der Taliban-Regierung durch Washington. 4) Das war zwar eine Fehlinformation, aber zwischen Washington und den 'Religionsstudenten' herrschte eitel Sonnenschein. Für Gas und Öl tat man alles. Auf Einladung von Unocal reiste sogar eine Taliban-Delegation im No-vember 1997 in die Vereinigten Staaten, und Anfang Dezember eröffnete der Konzern an der Universität von Omaha, Nebraska, ein Ausbildungszentrum, in dem 137 Afghanen für den Bau von Pipelines aus-gebildet wurden.

Als sich die politische und militärische Situation in Afghanistan nicht besserte, wurden in Washington Stimmen laut, die die Unterstützung des Taliban-Regimes und des Erdgasprojekts für einen politi-schen Fehler hielten. So warnte Vizeaußenminister Talbott am 21. Juli 1997: 'Die Region könnte zur Brutstätte von Terroristen werden, zur Wiege des po-litischen und religiösen Extremismus und zum
Schauplatz eines regelrechten Kriegs.'

Ein neuer Faktor greift in Afghanistans Innenpolitik ein und be-einflusst seine internationalen Beziehungen ent-scheidend: die Anwesenheit Ussama Bin Ladens, der auf der Suche nach einem sicheren Ort aus Su-dan gekommen war. (...) Bei einem Besuch in Kabul am 16 April, 1998 erörterte der amerikanische UN-Botschafter William Richardson den Fall Bin Laden mit den Taliban. (...) Doch am 8. August 1998 wer-den die US-Botschaften in Daressalam und Nairobi durch Bombenanschläge zerstört, bei denen insge-samt 224 Personen ums Leben kommen, darunter zwölf Amerikaner. Die Vereinigten Staaten schlagen zurück und feuern 70 Cruise-Missiles auf Afghanis-tan ab sowie einige auf Sudan. Den Chef von al-Qaida erklären sie zum Staatsfeind Nummer eins. Dennoch warten sie über sechs Monate ab bis sie einen internationalen Haftbefehl erlassen. Da sie seiner nicht habhaft werden können, hoffen sie, mit den Taliban die Ausweisung Bin Ladens aushandeln zu können.

Die Anschläge auf die US-Botschaften haben einen wichtigen Nebeneffekt: Unocal verzichtet auf das Projekt der afghanischen Erdgasleitung. (...) Im Lau-fe des Jahres 1998 kommt es zu zahlreichen diplo-matischen Initiativen. (...) Auch wenn Washington das Gegenteil behauptet - die Taliban, die aufgrund ihrer Politik gegen Frauen, ihrer Einstellung zu den Menschenrechten und ihrer anhaltenden Protektion von Bin Läden überall auf der Welt in Misskredit ge-raten sind, bleiben nach wie vor Gesprächspartner der Vereinigten Staaten. Am 27. September 2000 hält der stellvertretende Außenminister der Taliban-Regierung, Abdur Rahmin Zahid, sogar einen Vor-trag im Washingtoner Middle East, Institute. Darin fordert er die politische Anerkennung seines Re-gimes und gibt zu verstehen, dass unter dieser Vor-aussetzung auch der Fall Bin Laden geregelt werden könnte. 5) (...)

Am 3. November 2000 gibt Vendrell [Afghanistan-Beauftragter der UN] öffentlich bekannt, dass die beiden gegnerischen Parteien, die Taliban und die Nordallianz, gemeinsam einen Friedensplan unter Schirmherrschaft der Sechs-plus-Zwei-Gruppe [Iran, Pakistan, China, Usbekistan, Tadschikistan, Turk-menistan sowie Russland und USA] geprüft haben. (...) Unterdessen ist die Sechs-Plus Zwei-Gruppe in eine neue Phase eingetreten ... Insgeheim wird eine Untergruppe ins Leben gerufen (...) An den in Berlin stattfindenden Treffen nehmen nur die Vereinigten Staaten, Russland, Iran und Pakistan teil. Der Runde gehören unter anderen folgende Delegierte an: Ro-bert Oakley, ehemaliger US-Botschafter in Pakistan und Unocal-Lobbyist; Niaz Naik, ehemaliger Au-ßenminister Pakistans, spezialisiert auf schwierige Geheimverhandlungen im Auftrag seines Landes; Tom Simons, ehemaliger US-Botschafter und letzter offizieller Unterhändler mit den Taliban; Nikolai Ko-syrew, (ehemaliger russische Sonderbeauftragter in Afghanistan; Sayid Rajai Khorassani, früher UNO-Botschafter Irans. Auf den beiden ersten Treffen, im November 2000 und März 2001, bei denen direkte Verhandlungen zwischen den Taliban und der Nord-allianz vorbereitet werden, erörterten die Teilnehmer mögliche politische .Anstrengungen, die den Taliban einen Ausweg aus der Sackgasse weisen könnten. (...) 'Dabei dachten wir natürlich', so Naik, 'an die Wiederherstellung von Frieden und Stabilität, aber auch an die Erdgasleitung.

Vielleicht könnte man die Taliban überzeugen, dass sie davon profitieren wer-den, wenn erst einmal alles geregelt wäre, wenn die erweiterte Regierung im Amt und die Erdölleitung gebaut wäre: dass dann Milliardenbeträge fließen würden'. In ihrer Besessenheit hoffen die Amerika-ner immer noch darauf, dass ihnen Bin Laden aus-geliefert wird. 'Wenn sie [die Taliban] Bin Laden rausrücken oder ernsthafte Verhandlungen aufneh-men würden', so Tom Simons, wären wir auch be-reit, einen ernsthaften Wiederaufbauplan zu starten.' Daran hat das State Department in Washington um so größeres Interesse, als inzwischen eine neue Re-gierung angetreten ist, in der Vertreter der Ölindust-rie den Ton angeben, allen voran Präsident George W. Bush selbst. Die neuen Verhandlungen mit den Taliban werden Christina Rocca anvertraut, die Karl Inderfurth als Sonderbeauftragten für Südasien ab-gelöst hat. Mit Afghanistan kennt sie sich aus. Das Land fiel von 1982 bis 1987 in ihren Zuständigkeits-bereich bei der CIA. (...)

Am 29. Juli kommt es zu einer letzten erfolglosen Unterredung zwischen Christina Rocca und dem Ta-liban-Botschafter in Pakistan. Damit sind die Ver-handlungen beendet. Ab sofort sucht das FBI aktiv nach Beweismaterial gegen Bin Laden. (...) Die Kommandos, die die Türme des World Trade Center am 11. September zerstörten, wurden erst Mitte Au-gust aktiviert. Drei Tage nach den Anschlägen gab Unocal in einem Kommuniqué bekannt, man werde das ohnehin auf Eis gelegte PipeIineprojekt vorerst nicht weiterverfolgen und Iehne es ab, mit den Tali-ban zu verhandeln. (...) Am 27. November reist US-Energieminister Spencer Abraham mit einem Team ... nach Russland, um im Schwarzmeerhafen Nowo-rossisk an der Einweihung der Erdölpipeline des Caspian Pipeline Consortium (CPC) teilzunehmen. (...)
Zum selben Zeitpunkt wird bei den Afghanistan-Verhandlungen auf dem Bonner Petersberg Hamid Karsai zum Chef der afghanischen Interimsregierung bestimmt. Karsai, so wurde bei dieser Gelegenheit bekannt, fungierte bei den Verhandlungen über die afghanische Pipeline als Berater im Auftrag von U-nocal. 6)"

1) in Partnerschaft mit der saudischen Delta Oil; 2) LMD November 1996; 3) 'Pièce à conviction', France 3, 18.10.01; 4) Financial Times 3.10.96; 5) UPI 27.09.00; 6) Le Monde 5.12.01

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