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"Dubiose Kontakte zwischen Washington und den Taliban" von P. Abramovici Schon im Juni 1990
etabliert sich Chevron nach einer wüsten Rangelei unter den Mineralölgesellschaften
im seinerzeit noch sowjeti-schen Kasachstan. Die Konzerne betreiben intensive
Lobbyarbeit und rekrutieren Berater unterschiedlichster Provenienz, darunter
Richard Cheney, ehemaliger Verteidigungsminister unter Bush senior und
späterer Vizepräsident von Bush junior, und der höchst
aktive Zbigniew Brzezinski, früher Sicherheitsberater von Präsident
Carter, Berater bei Amoco und langjähriger Förderer von Clintons
künftiger Außenministerin Albright. Aus denselben Gründen
beginnt sich auch das Pen-tagon in den ehemaligen Sowjetrepubliken einzunis-ten,
mit deren Erdölreserven die USA energiepoli-tisch auf Dauer weniger
abhängig von den Golfstaa-ten werden wollen. Unter dem Vorwand eines
'hu-manitären' Einsatzes ... unterzeichneten die Verei-nigten Staaten
1996 erst mit Usbekistan, dem mäch-tigsten Land der Region, danach
mit Kasachstan und Kirgisistan das so genannte Centrasbat- (Cent-ral Asia
Batallion) Abkommen. Diese drei Länder veranstalteten 1997 und 1998
einige Truppenübun-gen, und im Ausbildungszentrum der US-Eliteeinheiten
in Fort Bragg wurden Soldaten vor al-lem usbekische, trainiert. Beunruhigt
über diese ver-stärkte militärische Kooperation an den
Grenzen ih-res Landes, schickten die Russen ab 1998 Manö-verbeobachter. Zwei Mineralölgesellschaften
- die zwölftgrößte US-Gesellschaft Unocal und die argentinische
Bridas - konkurrieren um das ehrgeizige Projekt einer Pipeli-ne, die von
Turkmenistan durch Afghanistan nach Pakistan gehen soll. 'Die einzig mögliche
Route', so John J. Maresca, internationaler Vizepräsident der Unocal,
vor einem Ausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses. (...)
Und nach einer intensi-ven Kampagne der Lobbyisten, die auf Initiative
der US-amerikanischen Behörden geführt wird, unter-zeichnet
der turkmenische Präsident am 21. Oktober mit Unocal 1) einen Vertrag
über den Bau der afgha-nischen Pipeline. Doch zuvor muss die Stabilität
Af-ghanistans gesichert sein. Im Januar 1995, der Krieg ist in vollem
Gange, treten die ersten größeren Gruppen von Taliban-Kämpfern
in Erscheinung: Sie sind eine Schöpfung des pakistanischen Geheim-dienstes
und werden vermutlich von der CIA und Saudi-Arabien finanziert. Es wird
sogar behauptet, dass Unocal zusammen mit dem saudischen Partner Delta
Oil beim 'Einkauf' örtlicher Kommandanten ei-ne große Rolle
gespielt habe. 2) Die Sicherung Af-ghanistans ist offenkundig die einzige
Funktion die-ser Kämpfer. Am 26. September 1996
erobern die Taliban Kabul. Michael Bearden, Vertreter der CIA in Afghanistan
während des Kriegs gegen die Sowjets (und heute halboffizieller Sprecher
der CIA), gibt die damalige Stimmung bei den Amerikanern wieder: 'Diese
Ty-pen [die Taliban] waren nicht einmal die schlimms-ten, etwas hitzige
junge Leute, aber das war immer noch besser als der Bürgerkrieg.
Sie kontrollierten das gesamte Gebiet zwischen Pakistan und den Erdgasfeldern
Turkmenistans. Vielleicht war das doch eine ganz gute Idee, - dachten
wir, wenn wir eine Erdölpipeline durch Afghanistan bauen und das
Gas und die Rohstoffe auf den neuen Markt beför-dern können.
Alle wären zufrieden.' 3) Chris Taggart, Vizepräsident
von Unocal, machte keinen Hehl daraus, dass seine Gesellschaft die Ta-liban
unterstützt. Er bezeichnete ihren Vormarsch als 'positive Entwicklung'
und versicherte, dass 'die jüngsten Ereignisse sich vermutlich vorteilhaft
auf das Projekt [der Pipeline] auswirken' werden. Man rechne sogar mit
der Anerkennung der Taliban-Regierung durch Washington. 4) Das war zwar
eine Fehlinformation, aber zwischen Washington und den 'Religionsstudenten'
herrschte eitel Sonnenschein. Für Gas und Öl tat man alles.
Auf Einladung von Unocal reiste sogar eine Taliban-Delegation im No-vember
1997 in die Vereinigten Staaten, und Anfang Dezember eröffnete der
Konzern an der Universität von Omaha, Nebraska, ein Ausbildungszentrum,
in dem 137 Afghanen für den Bau von Pipelines aus-gebildet wurden. Als sich die politische
und militärische Situation in Afghanistan nicht besserte, wurden
in Washington Stimmen laut, die die Unterstützung des Taliban-Regimes
und des Erdgasprojekts für einen politi-schen Fehler hielten. So
warnte Vizeaußenminister Talbott am 21. Juli 1997: 'Die Region könnte
zur Brutstätte von Terroristen werden, zur Wiege des po-litischen
und religiösen Extremismus und zum Ein neuer Faktor greift
in Afghanistans Innenpolitik ein und be-einflusst seine internationalen
Beziehungen ent-scheidend: die Anwesenheit Ussama Bin Ladens, der auf
der Suche nach einem sicheren Ort aus Su-dan gekommen war. (...) Bei einem
Besuch in Kabul am 16 April, 1998 erörterte der amerikanische UN-Botschafter
William Richardson den Fall Bin Laden mit den Taliban. (...) Doch am 8.
August 1998 wer-den die US-Botschaften in Daressalam und Nairobi durch
Bombenanschläge zerstört, bei denen insge-samt 224 Personen
ums Leben kommen, darunter zwölf Amerikaner. Die Vereinigten Staaten
schlagen zurück und feuern 70 Cruise-Missiles auf Afghanis-tan ab
sowie einige auf Sudan. Den Chef von al-Qaida erklären sie zum Staatsfeind
Nummer eins. Dennoch warten sie über sechs Monate ab bis sie einen
internationalen Haftbefehl erlassen. Da sie seiner nicht habhaft werden
können, hoffen sie, mit den Taliban die Ausweisung Bin Ladens aushandeln
zu können. Die Anschläge
auf die US-Botschaften haben einen wichtigen Nebeneffekt: Unocal verzichtet
auf das Projekt der afghanischen Erdgasleitung. (...) Im Lau-fe des Jahres
1998 kommt es zu zahlreichen diplo-matischen Initiativen. (...) Auch wenn
Washington das Gegenteil behauptet - die Taliban, die aufgrund ihrer Politik
gegen Frauen, ihrer Einstellung zu den Menschenrechten und ihrer anhaltenden
Protektion von Bin Läden überall auf der Welt in Misskredit
ge-raten sind, bleiben nach wie vor Gesprächspartner der Vereinigten
Staaten. Am 27. September 2000 hält der stellvertretende Außenminister
der Taliban-Regierung, Abdur Rahmin Zahid, sogar einen Vor-trag im Washingtoner
Middle East, Institute. Darin fordert er die politische Anerkennung seines
Re-gimes und gibt zu verstehen, dass unter dieser Vor-aussetzung auch
der Fall Bin Laden geregelt werden könnte. 5) (...) Am 3. November 2000 gibt Vendrell [Afghanistan-Beauftragter der UN] öffentlich bekannt, dass die beiden gegnerischen Parteien, die Taliban und die Nordallianz, gemeinsam einen Friedensplan unter Schirmherrschaft der Sechs-plus-Zwei-Gruppe [Iran, Pakistan, China, Usbekistan, Tadschikistan, Turk-menistan sowie Russland und USA] geprüft haben. (...) Unterdessen ist die Sechs-Plus Zwei-Gruppe in eine neue Phase eingetreten ... Insgeheim wird eine Untergruppe ins Leben gerufen (...) An den in Berlin stattfindenden Treffen nehmen nur die Vereinigten Staaten, Russland, Iran und Pakistan teil. Der Runde gehören unter anderen folgende Delegierte an: Ro-bert Oakley, ehemaliger US-Botschafter in Pakistan und Unocal-Lobbyist; Niaz Naik, ehemaliger Au-ßenminister Pakistans, spezialisiert auf schwierige Geheimverhandlungen im Auftrag seines Landes; Tom Simons, ehemaliger US-Botschafter und letzter offizieller Unterhändler mit den Taliban; Nikolai Ko-syrew, (ehemaliger russische Sonderbeauftragter in Afghanistan; Sayid Rajai Khorassani, früher UNO-Botschafter Irans. Auf den beiden ersten Treffen, im November 2000 und März 2001, bei denen direkte Verhandlungen zwischen den Taliban und der Nord-allianz vorbereitet werden, erörterten die Teilnehmer mögliche politische .Anstrengungen, die den Taliban einen Ausweg aus der Sackgasse weisen könnten. (...) 'Dabei dachten wir natürlich', so Naik, 'an die Wiederherstellung von Frieden und Stabilität, aber auch an die Erdgasleitung. Vielleicht könnte
man die Taliban überzeugen, dass sie davon profitieren wer-den, wenn
erst einmal alles geregelt wäre, wenn die erweiterte Regierung im
Amt und die Erdölleitung gebaut wäre: dass dann Milliardenbeträge
fließen würden'. In ihrer Besessenheit hoffen die Amerika-ner
immer noch darauf, dass ihnen Bin Laden aus-geliefert wird. 'Wenn sie
[die Taliban] Bin Laden rausrücken oder ernsthafte Verhandlungen
aufneh-men würden', so Tom Simons, wären wir auch be-reit, einen
ernsthaften Wiederaufbauplan zu starten.' Daran hat das State Department
in Washington um so größeres Interesse, als inzwischen eine
neue Re-gierung angetreten ist, in der Vertreter der Ölindust-rie
den Ton angeben, allen voran Präsident George W. Bush selbst. Die
neuen Verhandlungen mit den Taliban werden Christina Rocca anvertraut,
die Karl Inderfurth als Sonderbeauftragten für Südasien ab-gelöst
hat. Mit Afghanistan kennt sie sich aus. Das Land fiel von 1982 bis 1987
in ihren Zuständigkeits-bereich bei der CIA. (...) Am 29. Juli kommt
es zu einer letzten erfolglosen Unterredung zwischen Christina Rocca und
dem Ta-liban-Botschafter in Pakistan. Damit sind die Ver-handlungen beendet.
Ab sofort sucht das FBI aktiv nach Beweismaterial gegen Bin Laden. (...)
Die Kommandos, die die Türme des World Trade Center am 11. September
zerstörten, wurden erst Mitte Au-gust aktiviert. Drei Tage nach den
Anschlägen gab Unocal in einem Kommuniqué bekannt, man werde
das ohnehin auf Eis gelegte PipeIineprojekt vorerst nicht weiterverfolgen
und Iehne es ab, mit den Tali-ban zu verhandeln. (...) Am 27. November
reist US-Energieminister Spencer Abraham mit einem Team ... nach Russland,
um im Schwarzmeerhafen Nowo-rossisk an der Einweihung der Erdölpipeline
des Caspian Pipeline Consortium (CPC) teilzunehmen. (...) 1) in Partnerschaft mit der saudischen Delta Oil; 2) LMD November 1996; 3) 'Pièce à conviction', France 3, 18.10.01; 4) Financial Times 3.10.96; 5) UPI 27.09.00; 6) Le Monde 5.12.01
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