"Afghanistans Regierung droht die Autorität im Land zu verlieren"

(junge Welt 24.01.02)


"Jüngste Gefechte im Norden Afghanistans nähren die Befürchtung, dass die verschiedenen afghanischen Kriegsherren, die an der Übergangsregierung in Kabul beteiligt sind, nur so lange an der neuen Struktur in Kabul interessiert sind, wie sie sich ein entsprechend großes Stück vom Kuchen in Form der von der internationalen Geberkonferenz in Aussicht gestellten Finanzhilfe versprechen. Dagegen sind jene Kriegsherren, die von der Regierung in Kabul ausgeschlossen wurden, zunehmend stärker an deren Zusammenbruch interessiert. Denn je länger dies nicht geschieht, desto stärker wird Kabul mit Hilfe der Amerikaner werden, und um so schwieriger wird die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen.

Der Westen Afghanistans wird vom Kriegsherrn Ismail Khan kontrolliert. Der Usbeken-General Abdul Rashid Dostum, seines Zeichens stellvertretender Verteidigungsminister in der Übergangsregierung in Kabul, hat im Norden das Sagen. Tadschiken, die teilweise loyal zum ehemaligen Präsidenten und Chef der Nordallianz Rabbani oder zu Verteidigungsminister Fahim stehen, kontrollieren den Nordosten. Paschtunen unter dem Kommando des talibanfreundlichen Gul Agha beherrschen die südlichen Provinzen um Kandahar. Ethnische Hasars wiederum kontrollieren einige der zentral gelegenen Provinzen und einige weitere Kriegsherren die Gebiete dazwischen und um Dschalalabad. Afghanistan droht wieder in jenen Zustand des Chaos zurückzufallen, in dem es sich in den ersten Jahren nach dem Abzug der Sowjetarmee vor über zehn Jahren befand.

Der einzige Hebel, den der afghanische Ministerpräsident Karsai hat, ist die Verteilung von Hilfsgeldern. Aber selbst das wird nicht ohne Probleme abgehen. Hier ein bisschen zu viel und dort etwas zu wenig, und schon hat er Neid unter den Warlords gesät. Gibt er das Geld allzu freizügig heraus, werden ihn die Kriegsherren nicht mehr brauchen. Gibt er ihnen zu wenig, dann verlassen diese sich lieber auf ihre traditionellen Einkünfte aus dem Anbau und Schmuggel von Drogen und kehren sich erst recht von Kabul ab.

Stratfor, der private amerikanische Nachrichtendienst für Großunternehmen, geht in seiner jüngsten Lageanalyse davon aus, dass 'Afghanistan schneller auseinander bricht, als die neue Regierung es zusammenflicken kann'. Es würde immer 'unwahrscheinlicher', dass die 'Führung in Kabul in der Lage sein wird, auch nur ein Grad von Autorität über das Land herzustellen'. Die Warnung von Stratfor, dass dadurch 'alle länger angelegten Wiederaufbaupläne gefährdet werden', steht in krassem Gegensatz zu dem auf der Geberkonferenz in Tokio verbreiteten Berufsoptimismus der Diplomaten aus sechzig Ländern. Zwar wurden Afghanistan inzwischen 4,5 Milliarden US-Dollar versprochen, aber deren Auszahlung ist über einen längeren Zeitraum verteilt und an viele Bedingungen geknüpft. Langfristig aber, so Stratfor, würde die anhaltende Instabilität im Lande 'die industrialisierte Welt eher dazu verleiten, sich von Afghanistan abzuwenden'.

Zur Verteidigung ihrer wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen wollen die USA eine solche Entwicklung nicht zulassen. Washington scheint sich immer offener auf seiten der Zentralregierung in den innerafghanischen Konflikt einzumischen. Nicht genug, dass US-Flugzeuge in den letzten Wochen Ziele um das nordwestliche Herat bombardiert haben, die nichts mit Taliban oder AI-Qaida zu tun hatten. Nach jüngsten Berichten ist es Washington auch gelungen, ein 20 000 Mann starkes Söldnerheer aus paschtunischen Stammeskriegern zusammenzustellen und mit einem Angriff auf Herat zu drohen. Dort herrscht nämlich Ismail Khan, der sich bisher geweigert hat, die US-gesponserte Zentralregierung in Kabul anzuerkennen, und lieber mit seinen Glaubensbrüdern im Iran zusammenarbeitet, was wiederum Washington seit langem ein Dorn im Auge ist."
(jw 24.01.02)

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