29.11.2000
Woche aktuell 48/2000
BSE-Seuche wurde in Deutschland systematisch vertuscht
Die Behauptung der Schröder/Fischer-Regierung "Deutschland ist BSE-frei" setzte bis vor wenigen Tagen die dreiste Vertuschungspolitik der Kohl-Regierung fort. Seit langem sind sich die Experten sicher, dass der Nachweis von BSE-Rindern in Deutschland nur eine Frage der Zeit ist.
Die BSE-Seuche entstand in Großbritannien zu Beginn der 80er Jahre. Ursache war die Verfütterung von Tiermehl, das aus den gemahlenen Kadavern kranker Schafe gewonnen wurde. Im Juli 1988 wurde dort die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer verboten. Die Tiermehl-Produzenten suchten sich einen neuen Markt für das in Großbritannien unverkäufliche Produkt - und fanden ihn unter anderem in Deutschland. Von 1988 bis 1989 verdoppelte sich der britische Tiermehlexport nach Deutschland auf 25.000 Tonnen. "Illegal war das nicht, aber es war die Ausfuhr einer tödlichen Seuche." (sz 27.11.00)
Die zweite Quelle der Übertragung der BSE-Seuche nach Deutschland bestand im direkten Viehexport. Zwischen 1980 und 1993 als es in Großbritannien bereits mehr als 120.000 BSE-Fälle gab, wurde 13.000 britische Rinder nach Deutschland importiert. Andere Rinder gelangten in der gleichen Zeit nach Frankreich, Spanien und Italien.
Von 1987 bis 1999 waren in zehn EU-Ländern BSE-infizierte Rinder amtlich registriert worden. In Großbritannien 177.456, in Irland 556, in Portugal 453, in Frankreich 192 und in Deutschland 6. In der Schweiz wurden seit 1990 349 BSE-Rinder amtlich festgestellt.
Bis heute hat die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, hervorgerufen durch den Verzehr verseuchten Rindfleischs, mindestens 81 Tote in Großbritannien gefordert, wobei befürchtet wird, dass die Zahl dieser unheilbaren Erkrankung rapide steigen wird. Selbst das britische Gesundheitsministerium geht in seiner Notfallplanung von bis zu 250.000 Toten aus. Obwohl bis auf den heutigen Tag in Großbritannien Woche für Woche rund zwanzig neue BSE-Fälle bekannt werden, wurde im August 1999 - auch mit deutscher Beteiligung - das Exportverbot für britisches Rindfleisch wieder aufgehoben. Im Eilverfahren hat jetzt die Bundesregierung das "Gesetz über das Verbot des Verfütterns, des innergemeinschaftlichen Verbringens und der Ausfuhr bestimmter Futtermittel" durchgezogen. Damit ist das Verfüttern von Tiermehl generell verboten. Als Maßnahme gegen den Rinderwahn macht diese Maßnahme auf den ersten Blick wenig Sinn, da bereits seit 1994 EU-weit kein Tiermehl an Wiederkäuer verfüttert werden darf. Tatsächlich ist dieses Gesetz ein indirektes Eingeständnis, dass seit Jahren mit Wissen aller Beteiligten Tiermehl in Form von Mischfutter auch weiterhin an Rinder verfüttert wird. So behaupteten in der Schweiz Behörden und Agrarlobby, Tiermehlverfütterung an Rinder sei seit 1990 verboten. Erst am 22.7.1999 deckte die Solothurner Zeitung auf, dass Tiermehl aus Geflügel und Fisch in der Rindermast verwendet wurde. Das "Tiermehlverbot" galt nur für Tiermehl aus Säugetierkadavern.
In Deutschland ging die Herstellung von Tiermehl nach dem Rindermastverbot 1994 kurzzeitig zurück und lag im letzten Jahr deutlich höher als 1990 (siehe Schaubild). So wurden Absatzverluste im Inland nach der gleichen Methode wie sie Großbritannien 1988 angewendet hatte durch steigende Exporte kompensiert. Doch auch der Verbrauch in Deutschland stieg nach einem kurzzeitigen Rückgang 1995/96 seit 1997 wieder deutlich an. 1999 wurden in Deutschland 670.448 Tonnen Tiermehl produziert und 452.448 Tonnen in Deutschland selbst verbraucht. Deutschland steht mit der Tiermehlproduktion in der EU an erster Stelle, gefolgt von Frankreich (512.866 t), Italien (410.000 t) und Spanien (366.300 t).
Quellen: sz 27.11.00; FR 25 und 29.11.00; Statistisches Jahrbuch 2000
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