29.11.2000

Woche aktuell 48/00

Absatzprobleme in der Automobilindustrie und die Folgen der internationalen Strukturkrise

Ein wesentlicher Hintergrund der gegenwärtigen Krise der DaimlerChrysler-Fusion ist der Rückgang des Automobilabsatzes sowohl in den USA als auch in Europa. Dadurch verschärft sich das Problem der in der Automobilindustrie angehäuften Überkapazitäten, aus dem sich Daimler und Chrysler mit ihrer Fusion gerade einen Ausweg erhofften. Die Überkapazitäten wurden bisher von den Automobilkonzernen eingesetzt, um in immer kürzeren Zeiten neue Modelle auf den Markt zu werfen, mit Dumpingpreisen und Sonderkonditionen den Konkurrenten Marktanteile abzujagen. Jeder Konzern hofft, seinen eigenen Marktanteil auf Kosten der Konkurrenten auszudehnen. So beklagte sich Daimler-Chef Schrempp vor den Chrysler-Managern, dass der Marktanteil von Chrysler in den USA gegenwärtig nur bei 14 Prozent liege, der Personalbestand aber auf 20 Prozent ausgelegt sei. Weltweit werden die Überkapazitäten auf 22 Millionen Fahrzeuge, also rund 42 Prozent der Gesamtproduktion geschätzt. Was bisher für den Konkurrenzkampf eingesetzt wurde, erweist sich nun als Bumerang (siehe auch Info-Karte Woche aktuell 25/2000).

In den USA haben Auftragsrückgänge bei den drei führenden Herstellern General Motors, Ford und DaimlerChrysler bereits dazu geführt, dass Fabriken geschlossen und zehntausende Arbeiter für mehrere Tage beurlaubt wurden. Bei General Motors wurden vier Werke zeitweise stillgelegt und rund 10.000 Arbeiter in unbezahlten Urlaub geschickt. DaimlerChrysler legte letzte Woche erneut drei Werk mit 13.600 Beschäftigten für eine Woche still. Der Absatzrückgang trifft besonders die Chrysler-Werke. So haben die Chrysler-Händler 94.000 Fahrzeuge weniger bestellt, als der Produktionsplan bis Ende des Jahres vorsieht. Der Autoverkauf der Chrysler-Marken ging im dritten Quartal um 14 Prozent zurück. Gleichzeitig verzeichnete der Chrysler-Konzernteil einen offiziellen Verlust von 579 Millionen Euro im dritten Quartal. Auch bei Ford gingen im ersten Halbjahr die offiziellen Gewinne um 18 Prozent zurück, bei General Motors um vier Prozent. Die Absatzprobleme sind weder auf Chrysler, noch auf den US-Markt beschränkt.

In Europa geht in den meisten Ländern die Pkw-Nachfrage zurück. Lediglich in Italien, Schweden und Griechenland wurden im September steigende Zulassungszahlen registriert. Insgesamt sind in der ersten neun Monaten in Westeuropa 1,5 Prozent weniger Pkw´s zugelassen worden. Dies wird vom europäischen Automobilhersteller-Verband Acea vor allem auf das hohe Angebot "attraktiver" Gebrauchtwagen zurückgeführt und darauf, dass die Verbraucher sich derzeit seltener für ein Neufahrzeug entschieden.

In der BRD betrug der Rückgang der Pkw-Neuzulassungen seit Anfang des Jahres bis Oktober im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 11,5 Prozent. Betroffen sind vor allem die Klein- und Mittelklassewagen, was sich bei Ford mit einem Absatzrückgang von 29,3 Prozent, bei Renault von 21,1 Prozent, bei Opel von 20,5 Prozent und bei VW von 13,5 Prozent niederschlägt. Die Neuzulassungen von Oberklassewagen stagnieren, bei BMW mit einem Minus von 1,6 Prozent und bei DaimlerChrysler mit einer "Zunahme" von 0,03 Prozent. Auch für das nächste Jahr rechnet die Automobilindustrie nicht mit einer "Wiederbelebung" des Absatzes. Kennzeichnend für die "Marktsättigung" sei auch in Deutschland der anhaltend hohe Haldenbestand von 1,5 Millionen Gebrauchtwagen. Dessen Ursache ist sowohl der allgemeine Rückgang der Kaufkraft als auch der niedrigere Export in die osteuropäischen Länder. Unter den 1,5 Millionen Gebrauchtwagen sind rund 750.000, die jünger als zwei Jahre sind. Üblicherweise liegt der Gebrauchtwagenbestand bei rund einer Million Fahrzeugen. Die Einbrüche auf dem US-Markt und in den anderen europäischen Ländern führen allerdings auch zu einem Rückgang der bisherigen relativen Belebung der Exporte der deutschen Automobilindustrie. Die Automobilkonzerne stellen sich bereits auf einen Rückgang der Exportqoute von derzeit 68 auf 62 Prozent bis 2003 ein.

Dies zwingt die Automobilkonzerne zu einem beschleunigten Abbau ihrer Überkapazitäten und damit der Arbeitsplätze. Bei Chrysler hat Schrempp mit seiner bereits zitierten Aussage faktisch bis zu 38.000 Arbeitsplätze in Frage gestellt. Auch in Deutschland sind weitgehende Umstrukturierungsmassnahmen geplant. Wenn DaimlerChrysler nun versucht, dies mit dem "desolaten" Zustand von Chrysler zu rechtfertigen, lenkt dies von den tatsächlichen Gründen in der internationalen Strukturkrise ab und soll die Arbeiter und Angestellten spalten.

Quellen: FTD 22.11.00, sz 18.11.00, NZZ 23.11.00, HB 22.11.00, sz 23.11.00, HB 14.11.00, sz 9.11.00, FR 2.11.00, sz 23.11.00, ND 24.11.00

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