08.11.00

Woche aktuell 45/2000

Kinderarmut als Widerspiegelung der Krise der bürgerlichen Familienordnung

Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) veröffentlicht unter dem Titel "Gute Kindheit - schlechte Kindheit, Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" den Abschlussbericht des Instituts für Sozialpädagogik e.V., Frankfurt am Main, der unter anderem auf einer Untersuchung der Lebenssituation von etwa 900 Kindern in 60 Kindertagesstätten der AWO beruht.

Der Bericht kommt zu folgenden Ergebnissen:
· Im Jahr 1998 waren insgesamt ca. 3 Millionen Menschen in Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen, darunter sind ca. 1 Million Kinder und Jugendliche. Hinzu kommt eine etwa gleich große Gruppe, die mit ihrer Familie unterhalb der Sozialhilfegrenze lebt, aber aus verschiedenen Gründen ihren Sozialhilfeanspruch nicht realisiert.
· In deutschen Großstädten ist die Lage vieler Kinder besonders schlecht: jedes vierte Kind unter sieben Jahren ist auf Sozialhilfe angewiesen. Davon sind rund die Hälfte Kinder von alleinerziehenden Müttern.
· Arme Kinder (*) stammen deutlich häufiger als nicht-arme Kinder aus Ein-Eltern-Familien sowie aus Familien mit drei und mehr Kindern. Die Mehrheit aller Kinder (80 Prozent der nicht-armen und fast 60 Prozent der armen Kinder) leben in einer traditionellen Familie (Mutter, Vater, Kinder).
· Arbeitslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit und das Fehlen einer Arbeitserlaubnis führen zu einem sehr hohen Armutsrisiko: Fast alle Väter (96 Prozent) der nicht-armen Vorschulkinder sind berufstätig, von den Vätern der armen Kinder sind es nur gut die Hälfte (54 Prozent). Bei den Müttern der nicht-armen Kinder ist die Erwerbsquote mit gut 60 Prozent ebenfalls sehr hoch im Vergleich zu den Müttern der armen Kinder, die nur zu einem Fünftel (23 Prozent) berufstätig sind. Dennoch liegt, wenn beide Elternteile Arbeit haben, die Armutsquote immer noch bei 7 Prozent. Das zeigt, dass durch Niedriglöhne ein erhebliches Armutsrisiko für Kinder (und ihre Familien) entsteht.
· Die Nationalität spielt bei der Kinderarmut eine große Rolle. Die Armutsquote ist bei Kindern ohne deutschen Pass mit 43 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei den deutschen Kindern (20 Prozent). Während die Armutsquoten der Vorschulkinder mit EU-Staatsbürgerschaft und die der türkischen Kinder nur leicht über dem Durchschnitt liegen, haben vor allem Kinder aus anderen Ländern sehr hohe Armutsquoten, was vor allem vom jeweiligen Aufenthaltsstatus ihrer Familien abhängt. Vor allem das Ausländer-, Asylverfahrens- und Asylbewerberleistungsgesetz produziert Armut durch Arbeitsverbote, Residenzpflicht und andere Schikanen.

Die Auswirkungen der Kinderarmut sind vielfältig: gesundheitliche Beeinträchtigungen und schlechtere Bildungschancen sind offensichtlich. Der Deutsche Kinderschutzbund sieht in der Untersuchung der AWO eine Bestätigung seiner Forderung nach einer schnellen und deutlichen Erhöhung des Kindergeldes auf 600 Mark im Monat.

Auch die Tatsache, dass immer weniger Kinder in Deutschland leben, hat seine Grundlage in der Krise der bürgerlichen Familienordnung, was nicht mit einer Erhöhung des Kindergeldes behoben werden kann! Vor 30 Jahren kamen auf ein Kind 2,6 Erwachsene, heute kommen 4,4 Erwachsene auf ein Kind. Das wird zum Anlass genommen, durch drastische Einschnitte das gesamte gesellschaftliche Umfeld der Kinder zu verändern: Schulen werden zusammengelegt, Freizeitmöglichkeiten eingeschränkt, Jugendhäuser dichtgemacht usw.

Das Buch "Neue Perspektiven für die Befreiung der Frau" macht den Zusammenhang deutlich: "Mit dem Aufkommen der Massenarbeitslosigkeit als Dauererscheinung seit 1975 und der Wende zum Abbau sozialer Reformen Anfang der 80er Jahre schwand unwiederbringlich die materielle Grundlage für die Entstehung und Aufrechterhaltung kleinbürgerlicher Familienverhältnisse unter den Massen. Seit Anfang der 70er Jahre ist die soziale und biologische Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft durch die bürgerliche Familienordnung in eine chronische Krise geraten." (S. 120/121)

Der Kampf für die Verbesserung der Lage der Kinder und Jugendlichen, gegen die Folgen der Krise der bürgerlichen Familienordnung ist deswegen vielfältig: Es muss gegen die Massenarbeitslosigkeit, für die Erhöhung der Sozialhilfe und die Aufhebung des Arbeitsverbotes für Asylbewerber, eine gründliche Schul- und Berufsausbildung, den Ausbau kostenloser Kultur-, Sport- und Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche usw. geführt werden.

(*) Arme Kinder leben in Familien, die mit weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Einkommens auskommen müssen

Quellen: FR-Dokumentation 26.10.00; sz 30.10.00; Stefan Engel, Monika Gärtner-Engel: Neue Perspektiven für die Befreiung der Frau - eine Streitschrift, Essen 2000

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