27.9.2000 Woche aktuell 39/00 Was steckt hinter dem Fall des Euro-Kurses? Der Euro wurde als neue länderübergreifende Währungseinheit zum 1. Januar 1999 eingeführt. Die Währungen zwischen den 11 am Währungsverbund beteiligten EU-Mitgliedern wurden festgeschrieben und Devisengeschäfte und Börsenkurse auf Euro umgestellt. Nicht an der Währungsgemeinschaft beteiligten sich Griechenland (der Beitritt ist Anfang des nächsten Jahres vorgesehen), Großbritannien, Dänemark und Schweden. Bei seinem Start war ein Euro rund 1,17 Dollar wert. Mittlerweile wird er zu einem Kurs von 85 - 90 US-Cent gehandelt. Bürgerliche Wirtschaftswissenschaftler können sich diesen Fall des Euro nicht erklären und verweisen immer wieder auf zwei Gründe: die höheren wirtschaftlichen Wachstumsraten und Zinsen in den USA. Tatsächlich strömt dadurch flüssiges Kapital bevorzugt in die USA, d.h. die internationale Nachfrage nach Dollar ist größer als die nach Euro. Die USA locken dieses ausländische Kapital außer mit höheren Zinsen aber auch mit der spekulativen Erwartung eines weiter steigenden Dollar an. Der Euro ist also ins Getriebe der internationalen Spekulation geraten, wovon auch europäische Finanzinstitute profitieren. So bietet die Anlage einiger hundert Milliarden verfügbarer Mittel in Dollar auch ihnen die Möglichkeit, gegen den Euro zu spekulieren und diese nach einem weiteren Kursverfall des Euro bzw. Steigerung des Dollarkurses mit einem hohen Extraprofit in Euro zurück zu tauschen, etwa bei einem Kurs von 80 statt gegenwärtig 85 - 90 US-Cent für einen Dollar. Dass die USA derzeit mehr Kapital als Europa anziehen, ist zugleich Ausdruck grundlegender Schwächen der US-Wirtschaft. Denn die USA sind dringend auf dieses Kapital angewiesen, um ihre hohen Defizite im Außenhandel zu finanzieren. Tatsächlich ist der sogenannte "Wirtschaftsaufschwung" in den USA vor allem auf Pump im Ausland sowie einer wachsenden Verschuldung der privaten Haushalte in den USA aufgebaut. Unternehmen in Ländern, die in Dollar oder in anderen gegenüber dem Euro ebenfalls gestiegenen Währungen wie dem britischen Pfund oder dem japanischen Yen bezahlen, bekommen die gleiche Menge an Waren aus dem Euro-Raum rund ein Viertel billiger als Anfang 1999. Als Folge steigen die Ausfuhren aus der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWU) erheblich stärker an (in Euro gerechnet), als diejenigen aus den USA (in Dollar gerechnet). Das ist ein Vorteil für die EWU im internationalen Konkurrenzkampf. Zugleich hat diese Entwicklung für die USA den Vorteil niedrigerer Kosten bei Direktinvestitionen und Firmenübernahmen innerhalb der EWU. Auch die Aufnahme oder Rückzahlung von Schulden in Euro wird für sie billiger. Bereits im letzten Jahr investierten amerikanische Mutterkonzerne deutscher Tochterfirmen rund 18 Mrd. DM in Deutschland, fast dreimal so viel wie 1998. Das verschärft den Konkurrenzkampf und die Übernahmeschlachten zwischen den in der USA und in den EU-Ländern ansässigen internationalen Monopolen. Selbst die Europäische Zentralbank (EZB) ist kaum in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen. Die Süddeutsche Zeitung vom 9.9. schreibt dazu: "Die EZB und die elf nationalen Notenbanken verfügen zwar über gigantische Devisenreserven von zusammen mehreren hundert Milliarden Euro. Nur: Im Casino der weltweit agierenden Devisenhändler werden täglich etwa zwei Billionen Dollar hin und her geschoben. Beteiligt sind nicht nur professionelle Spekulanten, sondern auch Banken und Unternehmen, die ihre Export- und Import-Transaktionen durch Währungsgeschäfte absichern wollen. Eingriffe einzelner Zentralbanken können angesichts dieser Summen nur relativ wenig ausrichten. Voraussetzung für eine erfolgreiche Euro-Stützung ist ein gemeinsames Vorgehen der europäischen, amerikanischen und japanischen Zentralbank." Am 22.9. ging die EZB erstmals in Absprache mit den USA, Japan und Großbritannien durch den Verkauf von Dollar zur direkten Stützung des Euro über - einen Tag vor dem Treffen der G-7-Finanzminister in Prag. Der Kurs stieg dadurch von knapp 86 auf zwischendurch 90 Cents an. Für die Masse der Bevölkerung wirkt sich der Fall des Euro-Kurses aufgrund der Verteuerung der Einfuhren gegenwärtig vor allem in einem Anstieg der Preissteigerungen auf eine Jahresrate von mittlerweile 2,6 Prozent aus. Löhne, Renten, Sozialhilfe usw. sinken dadurch, real gerechnet. Gleichzeitig wächst dadurch auch politisch das Mißtrauen in die Politik der Bundesregierung. Laut einer Forsa-Umfrage sind 75 Prozent der Frauen in Deutschland gegen den Euro, bei den Männern 60 Prozent. Von den großen Versprechungen bei der Einführung des Euro, insbesondere der von ihm ausgehenden Stabilität der Preise und Wirtschaftsentwicklung, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die EZB warnt bereits vor Forderungen nach "Lohnnachschlag". Quelle: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank; sz 9.9.00; WAZ 5. u. 16.9.00; FR 21., 22. u. 23.9.00 © GSA e.V., Nachdruck mit Quellenangabe frei
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