6.9.2000 Woche aktuell 36/2000 Wal-Mart und der "Pfennigkrieg" der Lebensmittelkonzerne Unter den Großen im Einzelhandel tobt der Pfennigkrieg. Laut Bild Zeitung kostet der Liter H-Milch bei Aldi 79 Pfennige, nur 78 Pfennige will Wal-Mart. Ob Zucker, Kaffee oder Pizza - was die deutschen Handelsketten auch als Sonderangebote anpreisen, die Preise des amerikanischen Riesenkonzerns liegen stets ein oder mehrere Pfennige darunter. Ein Preiskrieg, von dem die Kunden profitieren, wie Bild jubelt? Schlagzeilen liefert Wal-Mart vor allem für die Wirtschaftsteile der Zeitungen mit immer neuen Übernahmespekulationen. Im Juni sollte angeblich Aldi geschluckt werden. Im Juli war die Metro der Übernahme-Kandidat, aktuell sind es mit Rewe und Edeka gleich zwei der Großen auf dem deutschen Markt. Nimmt man den Umsatz der 10 größten deutschen Einzelhandelkonzerne - von Metro über Aldi, Tengelmann bis Schlecker - dann erreichen sie zusammen bei weitem noch nicht den weltweiten Umsatz von Wal-Mart mit rund 330 Milliarden DM in rund 4.000 Filialen, darunter zum Teil gewaltige Einkaufshallen nahe der Großstädte. Als Wal-Mart Ende 1997 die 21 Warenhäuser der Marke Wertkauf, und ein Jahr später 71 Interspar-Märkte übernahm, sollten die angeblich "paradiesischen" Zustände in den USA auch für Kunden in Deutschland anbrechen: Jeden Tag Tiefstpreise, rund um die Uhr. Besonders motivierte Verkäufer und Verkäuferinnen, die sich schon an der Eingangstür beim Kunden nach dem Wohlbefinden der Kinder und seinen Kauf-Wünschen erkundigen oder später die vollgepackten Plastiktüten zum Auto tragen: "Wal-Mart ist ein persönlicher Raum, wo Menschen nicht nur einkaufen. Sie besuchen ihn und helfen sich gegenseitig", so die Werbung. Zur Realität gehören aber auch matschiges Gemüse auf Paletten in den Gängen und leere Regale. Nach fast drei Jahren gelang es Wal-Mart bisher nicht, ein entsprechendes Liefersystem in Deutschland aufzubauen, und noch viel weniger die spezielle "Wal-Mart-Vision der vergemeinschaftenden Personalpolitik" durchzusetzen. Tariflöhne, Sozialbeiträge für alle, sowie Betriebsrat und Gewerkschaftsmitglieder gibt es weltweit nur in den deutschen Filialen. Wal-Mart gilt mit 1,14 Millionen Beschäftigten als Symbol für das amerikanische Job-Wunder. Und das heißt zu allererst, den Konzern "gewerkschaftsfrei" zu halten. In einem "Managerhandbuch" sind speziell "frühe Warnzeichen gewerkschaftlicher Orientierung von Bewerbern und Beschäftigten" aufgelistet, nach denen mit "Persönlichkeitstest" geforscht wird. Sich ständig wiederholende Rituale und Belobigungen in Form von "Gut-gemacht"-Button, speziellen Schürzen für die "beste Verkäuferin des Monats" oder Titeln wie "dienender Leiter" und "Pate" sollen eine "Wal-Mart-Gemeinschaft" schaffen, zu der natürlich auch der "Ausschluss" gehört. Den trifft, wer nach Ansicht der Manager zu wenig Engagement zeigt, es wagt, Lohnerhöhungen zu fordern oder sich für eine gewerkschaftliche Interessenvertretung einsetzt. Rund 70 Prozent der Beschäftigten gelten als Vollzeitbeschäftigte, was bei Wal-Mart 28 Stunden pro Woche bedeutet und nicht wenige Beschäftigte zwingt gleich mehrere "Vollzeitbeschäftigungen" anzunehmen. Denn das durchschnittliche Jahresgehalt von 11.700 Dollar liegt unter der offizielle US-Armutsgrenze von 14.000 Dollar. Nur gut ein Drittel (38 Prozent) der Beschäftigten in den USA ist krankenversichert. Wal-Mart zahlt 50 Prozent der Prämie, es bleibt aber eine Eigenbeteiligung von bis zu 1.000 Dollar, Teilzeitbeschäftigte haben gar keinen Anspruch auf Sozialversicherung. Als Rentenversicherung bietet Wal-Mart "Sonderkonditionen" für den Kauf von Wal-Mart-Aktien an, und nach einem Jahr Betriebszugehörigkeit gibt es in den USA eine Woche Urlaub bzw. drei Wochen nach sieben Jahren Betriebszugehörigkeit. Für die Gewerkschaft UFCW (United Food and Commercial Workers) ist Wal-Mart "der schlimmste Arbeitgeber in den USA", nicht nur was die materielle Seite betrifft. Sie verweist auch auf geheime und illegale Kameraüberwachung, auf Tonaufnahmen privater Gespräche oder illegaler Hausdurchsuchungen wegen vermeintlicher Diebstähle von Beschäftigten. Erstmals gelang es der UFCW im Frühjahr in einzelnen Fleischabteilungen von Wal-Mart in Texas, Florida und Illinois die in den USA gesetzlich vorgeschriebenen "Anerkennungswahlen" mit mehr als 50 Prozent der Unterschriften aller Beschäftigten erfolgreich durchzuführen, damit Gewerkschaftsmitglieder den Betrieb betreten und Tarifverhandlungen geführt werden können. Die ständig neu entfachte Diskussion um die Ladenschlusszeiten sowie die Vernichtung der Hälfte aller Vollzeitarbeitsplätze (rund 1,25 Millionen) seit 1995 zu Gunsten von Teilzeit-Jobs zeigt, dass der "Pfennigkrieg" der Konzerne auch im deutschen Einzelhandel vor allem zu Lasten der Beschäftigten geht. Trotz der enorm hohen Zahl von Teilzeit-Jobs ging die Gesamtzahl der Beschäftigten seit Jahren um jährlich rund 100.000 auf 2,5 Millionen zurück. Quellen: hbv "Wal-Mart, ein Gigant mit vielen Gesichtern", FR 31.5.00, sz 8.7.00, HB 6.9.00 © GSA e.V., Nachdruck mit Quellenangabe frei
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