6.9.2000
Woche aktuell 36/2000
Chronik der bisher schwersten Unglücke von Atom-U-Booten
Der Untergang des russischen Atom-U-Bootes "Kursk" wirft ein Licht auf die Bedrohung durch das militärische Wettrüsten. Auf den Weltmeeren fahren u.a. 10 Atom-U-Boote Frankreichs, 16 Großbritanniens und 74 der USA. Während die USA den atomaren Erstschlag in ihrer Strategie der Weltherrschaft verfolgen und dazu das Abwehrkonzept NMD erproben, sieht Russland die Bedeutung der Atom-U-Boote vor allem darin, dass sie einen atomaren Zweitschlag ermöglichen. Ein U-Boot wie die "Kursk" kann neben 28 Torpedos noch 24 Marschflugkörper mit Atomsprengköpfen tragen und ist so hoch gerüstet, dass es alleine einen Flugzeugträger mitsamt dessen Begleitschiffen (die Hauptwaffe der USA zur Kontrolle der Weltmeere) ausschalten kann. Die russische Flotte verfügt über sieben Boote dieser Klasse im Nordmeer und vier im Pazifischen Ozean. Sie werden von zwei Druckwasserreaktoren betrieben und können bis zu 120 Tagen ununterbrochen tauchen. Bezeichnenderweise waren zum Zeitpunkt des Unglückes mindestens zwei amerikanische U-Boote in unmittelbarer Nähe sowie ein norwegisches Spionage-Überwasserschiff. Auch wenn die russische Seemacht im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Niedergang erheblich geschrumpft ist, versucht die US-Navy die russischen U-Boote ständig zu orten und zu verfolgen. So ist eine mögliche Erklärung des Unglücks ein Zusammenstoß der "Kursk" mit US-Schiffen. Derartige Zwischenfälle gab es bereits in der Vergangenheit, wobei die Dunkelziffer aufgrund der militärischen Geheimhaltung sehr groß ist. Am 26. August 1949 verunglückten in der Barentssee vor der sowjetischen Küste zwei US-U-Boote, von denen eines sank. Am 11. Februar 1992 stieß das US-U-Boot "Baton Rouge" (SSN-689) mit der russischen "Barracuda" zusammen.
Laut Greenpeace hat es zwischen 1950 und 1996 23 Zwischenfälle mit Atom-U-Booten gegeben, bei denen 51 Sprengköpfe unter Wasser verloren gegangen sind. Nach Angaben der norwegischen Umweltorganisation Bellona liegen zur Zeit zwei US-amerikanische und vier sowjetische U-Boote als Wracks auf dem Meeresgrund. Zu einer atomaren Verseuchung kann es entweder durch Explosionen, durch Lecks beim Aufprall auf dem Meeresboden oder durch Rosteinwirkung kommen. Nachfolgend die Liste der bisher schwersten Unglücke vom Atom-U-Booten (ohne die Katastrophen mit dieselgetriebenen U-Booten):
1963: Das amerikanische U-Boot "Tresher" (SSN-593) sinkt bei einer Erprobungsfahrt vor der Küste Neuenglands. Alle 129 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Die Unglücksursache ist unbekannt. Das Boot ist vom Wasserdruck zerquetscht.
1968: Das amerikanische U-Boot "Scorpion" (SSN-589) sinkt im Atlantik, alle 99 Seeleute sterben. Das Boot liegt zerquetscht in 3.000 Meter Tiefe. Als Unglücksursache wird eine Wasserstoffexplosion im Batterieraum oder eine Torpedoexplosion vermutet.
1970: Vor der spanischen Atlantikküste sinkt ein sowjetisches U-Boot mit 88 Mann an Bord. Ursache unbekannt.
1983: Vor Kamtschatka sinkt nach US-Angaben ein sowjetische U-Boot mit 90 Seeleuten. Die Ursache soll ein Leck im Torpedo-Abschussrohr gewesen sein.
1986: Das US-U-Boot "Nathanael Greene" (SSBN-636) läuft in der Irischen See auf Grund. Es gab keine Menschenverluste, aber das Schiff mußte aufgegeben werden.
1988: Das US-U-Boot "Bonefish" (SS-582) geriet in getauchtem Zustand in Brand und musste aufgegeben werden. Drei Matrosen kamen ums Leben.
1989: Im Nordpolarmeer bricht an Bord des sowjetischen U-Boots "Komsomolez" Feuer aus. 42 der insgesamt 69 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Aus dem Wrack entweicht Radioaktivität. Das Boot wird versiegelt. Der Schutz soll nach offiziellen Angaben 20 Jahre halten.
1994: Zwischen Toulon und Korsika explodiert auf dem französischen U-Boot "Emeraude" ein Turbogenerator. Zehn Besatzungsmitglieder sterben.
2000: Alle 118 Besatzungsmitglieder des russischen U-Bootes "Kursk" sterben, wahrscheinlich aufgrund einer Explosion. Vermutet wird entweder eine Wasserstoffexplosion oder eine Torpedoexplosion. Die "Kursk" soll einen neuartigen Torpedo getestet haben, der eine neue Stufe im Wettrüsten darstellt. Der Torpedo "Sturm" ist statt mit dem batteriegetriebenen Propellerantrieb mit einem Raketenantrieb ausgerüstet, der ihn über 500 Stundenkilometer schnell macht. Der Flüssigkeitstreibstoff der Rakete ist jedoch hoch explosionsgefährlich.
Quellen: Die Zeit 17.8.00; FR 15.8.00; FAZ 18.8.und 19.8.00, taz 29.8.00.
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