24.8.2000

Woche aktuell 34/2000

"Mädchenzeitschriften" verbreiten eine unpolitische Grundhaltung

War früher vor allem Bravo die bürgerliche Jugendzeitschrift, so ist inzwischen ein ganzes Spektrum an Zeitschriften für Jugendliche auf dem Markt: Mädchen, Young Miss, Bravo-Girl, Bravo Screen Fun, Gute Zeiten schlechte Zeiten, Bravo Sport - um nur einige zu nennen - sollen die Jugendlichen auf ihre verschiedenen Interessen ansprechen. Das Heft Deutsche Jugend veröffentlicht eine Untersuchung über Mädchenzeitschriften: "Mädchenzeitschriften sind für ihre Leserinnen wertvolle Orientierungshilfen. Sie sind als Jugendliche in einer biographischen Konflikt- und Krisenzeit, in der es vor allem darum geht, einen Platz in der Gesellschaft zu suchen und zu finden." Von Zeitschriften gehe eine besondere Sozialisationswirkung aus, "indem sie Jugendlichen bei der Konkretisierung ihrer diffusen Vorstellungen von Geschlechterrollen-Erwartungen helfen und ihnen Identifikationsmodelle anbieten." Damit wird die Fragestellung bereits auf die Geschlechterfrage als die angeblich wichtigste Frage eingeengt. Die Mädchenzeitschriften Bravo-Girl, Mädchen und Young Miss werden über den Zeitraum 11/97 bis 2/98 analysiert.

Bravo Girl (Heinrich Bauer Verlag, München) ist mit einer Auflage von 685.644 die bekannteste und am meisten verkaufte Zeitschrift für junge Mädchen. Zielgruppe sind nach offiziellen Verlagsangaben 14- bis 24-jährige Frauen. Bezogen auf alle Jugendzeitschriften hat das Heft eine Reichweite von 27,9% unter den 14- bis 19-jährigen, bei Mädchen sind es 54,67%. Es erscheint 14-tägig und kostet 3,30 DM.

Mädchen (Axel Springer Young Mediahouse, München) erschien erstmals im Januar 1976. Das Heft kommt ebenfalls 14-tägig und kostet 3,30 DM. Die Auflage erreichte in III/94 525.456 verkaufte Exemplare (rund 160.000 weniger als Girl). Hauptkäuferinnengruppe sind mit 68,8% pro Auflage die 14- bis 17-jährigen (laut Redaktion).

In beiden Zeitschriften überwiegt der Bildanteil gegenüber dem Textanteil - knallig, bunt. Begleitender Text sind Produkthinweise, also Werbung. Aber auch häufige Adjektive wie "sexy" und "trendy" vermitteln der Leserin wie sie äußerlich attraktiv und beim anderen Geschlecht erfolgreich sein kann. Das Beziehungsthema soll eine große Rolle im Leben der Leserinnen spielen. Insgesamt wird ein "traditionelles Frauenbild vermittelt", indem die individuellen Bedürfnisse des Mannes wichtiger seien als die eigenen und die Frau in erster Linie äußerlich attraktiv zu sein hat. In keinem (!) der untersuchten Hefte war ein Beitrag zu Schule und Beruf. Die Kritik in der Untersuchung überwindet allerdings nicht den Ansatz, die Geschlechterfrage zur entscheidenden Frage zu machen: "Das Frauenbild ist für uns insofern problematisch und kritikwürdig, weil der Mann permanent als identitätsstiftender Bezugspunkt präsent ist."

Als "ein Gegenkonzept" wird die Zeitschrift Young Miss (Verlag Gruner und Jahr, Hamburg) vorgestellt. Sie erscheint seit 1995 zum Preis von 4,00 DM. Mit einer Auflage von 180.000 Exemplaren werden monatlich 390.000 Leserinnen im Alter zwischen 14 und 24 Jahren erreicht. Die Auflage beträgt damit ein Viertel der Girl und etwa ein Drittel der Mädchen-Auflagenzahl. Diese Zeitschrift soll diejenigen begleiten, "die bereits mit beiden Beinen im Erwachsenenleben stehen ...". Sie soll "eine glaubwürdige Begleiterin auf dem Weg zur Selbständigkeit" sein, so heißt es in der Werbemappe. Textbeiträge informieren über politische Themen, über geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Anzeigen über Sprach- und Bildungsreisen sind zu finden. Mit dem Denken "Karriere statt Kochtopf" wird dabei auf das kleinbürgerlich - feministische Ziel von einer individuellen Karriere und die Emanzipation der Frau in Konkurrenz zum Mann gelenkt.

Nicht vorgestellt werden in der Untersuchung der Zeitschrift Deutsche Jugend andere kritische und fortschrittliche Jugendmagazine, in denen - wie im Jugendmagazin REBELL - Jugendliche zu Wort kommen, die sich tatsächlich ihren Platz in der Gesellschaft im Kampf für eine lebenswerte Zukunft suchen und finden. In der neuen Ausgabe des REBELL wird das Buch Neue Perspektiven für die Befreiung der Frau - Eine Streitschrift von Stefan Engel und Monika Gärtner-Engel vorgestellt. Davon angeregt schreibt ein Jugendlicher selbstbewusst: "Mädchen sind heute überall in der Jugendbewegung führend beteiligt. Mit einer Reduzierung ihrer Wünsche und Lebensperspektiven auf den ‘Richtigen’ soll eine unpolitische Grundhaltung erzeugt werden. Mit einem unsinnigen Körper- und Schönheitsideal soll das Selbstbewußtsein erschüttert werden. Wenn der Wunsch nach einer lebenswerten Zukunft gestärkt wird, setzt sich eine Haltung und Zuversicht ‘Wir sind die Zukunft’ durch."

Quelle: Deutsche Jugend 7-8/2000, REBELL 4/00

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