16.8.2000

Woche aktuell 33/2000

Neue Bundesländer: Jede dritte Frau verlor ihren Vollzeitarbeitsplatz

Bei einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im März dieses Jahres stimmten die Frauen in Ost und West nahezu gleich ab. Auf einer Liste von 13 Bereichen nannten 79 Prozent "Löhne und Gehälter" als den Bereich, wo am dringlichsten die Gleichstellung der Frau erfolgen müsse, 73 Prozent die "Gleichberechtigung in der Partnerschaft", 67 Prozent die "Gleichstellung bei der Berufswahl" und 64 Prozent die "Möglichkeiten zum beruflichen Aufstieg".

Mit über 78 Prozent standen die Frauen in der DDR Ende der 80er Jahre weltweit an der Spitze der Erwerbsquote, was auch ihr Selbstbewußtsein prägte und sie im hohen Maße wirtschaftlich selbständig machte. Bei Einbeziehung der Lehrlinge und Studierenden waren es 1989 sogar 91,2 Prozent.

Erwerbstätigkeit von Frauen in der ehemaligen DDR und den heutigen neuen Bundesländern

(jeweils in 1.000)

1955

1970

1980

1989

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

Frauen im arbeitsfähigen Alter

6.182

5.011

5.257

5.074

4.807

4.782

4.780

4.766

4.751

4.735

4.720

4.705

Erwerbstätige Frauen
(o. Lehrlinge/ Studier.)

3.244

3.312

3.848

3.962

3.605

3.068

2.924

2.961

3.007

3.002

2.957

2.935

Anteil der erwerbstätigen Frauen

52,5%

66,1%

73,2%

78,1%

75,0%

64,0%

61,2%

62,1%

63,3%

63,4%

62,6%

62,4%

Dennoch wuchs auch in der DDR seit Ende der 50er Jahre die gesellschaftliche Ungleichheit von Männern und Frauen. Sichtbare Merkmale waren das erheblich niedrigere Lohnniveau der Frauen, und dass sie zunehmend aus industriellen und hochqualifizierten Arbeitsplätzen verdrängt wurden. Von den entscheidenden Führungspositionen in Staat und Betrieben waren sie ausgeschlossen, weitgehend wurde ihnen die Hausarbeit zugewiesen. Aufgrund der sogenannten "frauenspezifischen Berufe" bekamen 1989 vollbeschäftigte Frauen im Durchschnitt lediglich drei Viertel (75,5 Prozent) des Nettolohns der Männer. Auch heute noch erhalten Arbeiterinnen und weibliche Angestellte in den neuen wie in den alten Bundesländern einen geringeren Lohn für die gleiche Arbeit. Je nach Branche sind es in den alten Bundesländern zwischen 70 und 76 Prozent des Bruttolohns der Männer und in den neuen Ländern zwischen 75 bis 87 Prozent.

Seit der Wiedervereinigung wurden in den neuen Bundesländern bis 1998 bereits über eine halbe Million Frauen aus der Erwerbstätigkeit gedrängt. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen ging insgesamt mit 670.000 noch stärker zurück als die der Männer (-547.000). Nochmals so viele Frauen, nämlich 645.700, haben lediglich noch einen Teilzeitarbeitsplatz bzw. zählen zu den "geringfügig Beschäftigten", so dass insgesamt jede dritte Frau oder 1,3 Millionen ihren Vollzeitarbeitsplatz verloren haben.

Geradezu verdrängt wurden die Frauen von den industriellen und hochqualifizierten technischen Arbeitsplätzen. Schon zu DDR-Zeiten blieb der Mehrheit nur der berufliche Weg in die sogenannten "frauenspezifischen Dienstleistungsberufe". In der Industrie, dem Handwerk, in der Land- und Forstwirtschaft oder dem Verkehrswesen waren sie unterrepräsentiert. Seit der Wiedervereinigung wurde bis 1998 nochmals jede zweite Frau aus den Fertigungsberufen (-50,3 Prozent), aus den Verkehrsberufen (-50,0 Prozent), aus den Technischen Berufen (-42,3 Prozent) gedrängt. Jede dritte Frau betraf das in den Berufen der Land- und Forstwirtschaft (- 34,6 Prozent). Dagegen nahm die Zahl der Frauen in den Berufen der Dienstleistungskaufleute absolut um 42,3 Prozent zu, in den Gesundheitsdienst-Berufen um 14,9 Prozent. Das hat gravierende Auswirkungen auf die gesellschaftliche Stellung der Frau. Besonders drastisch wird die veränderte Lage der Frauen in den neuen Ländern an der Frauengruppe deutlich, die in den zehn Jahren seit der Wiedervereinigung in das erwerbsfähige Alter hinein- wuchsen. Die Mehrheit (über 52 Prozent) ist entweder offiziell arbeitslos, sucht eine Lehrstelle, wird mit Unterstützung des Arbeitsamts in einer Warteschleife gehalten oder hat einen Arbeitsplatz, der vom Arbeitsamt subventioniert wird.

Quelle: Stefan Engel, Monika Gärtner-Engel "Neue Perspektiven für die Befreiung der Frau ", Jahrbuch Statistisches Bundesamt, Bundesanstalt für Arbeit "Arbeitsmarkt für Frauen" 4/2000

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