2.8.2000 Woche aktuell 31/2000 Neue Bundesländer: Massenhafte Abwanderung in den Westen In der Zeit nach der Wiedervereinigung schrumpfte die Bevölkerung in den neuen Bundesländern um nahezu 6 Prozent. Das sind 850.000 Menschen, was in etwa der Bevölkerungszahl der beiden Städte Leipzig und Dresden entspricht. Nach einer zwischenzeitlichen Abschwächung beschleunigt sich der Bevölkerungsrückgang in allen neuen Bundesländern wieder. Im letzten Jahr in Sachsen um 29.729 (-0,7%), in Sachsen Anhalt um 25.753 (-1%), in Thüringen um 13.754 (-0,6%), in Berlin um 12.155 (-4%), in Mecklenburg-Vorpommern um 9.367 (-0,5%). Lediglich Brandenburg profitierte mit einem Zuwachs von 10.832 (+0,4%) vom Zuzug vor allem besser verdienender Berliner, die sich einen Umzug aus der Großstadt auf das Land leisten können. So nahm auch in Brandenburg im letzten Jahr, trotz der Zuzüge, die Zahl der Erwerbstätigen um 11.000 (-1,1%) ab. Waren früher vor allem die Kleinstädte und Landgemeinden von der Abwanderung betroffen, so sind es heute vor allem die Städte, stellte das Institut für sozialwissenschaftliche Regional- und Umweltforschung (ISRU) in Kreuzmannshagen fest: "Es überwiegen die Jungen, die abwandern, und die mit der besseren Qualifikation. Problematisch ist, dass der Anteil junger Frauen stark abnimmt. Jede junge Frau, die das Land verlässt, nimmt ihre Kinder mit, egal ob schon geboren oder nicht." Damit umschreibt das Institut lediglich die zukünftige Entwicklung, mit noch weit drastischeren Veränderungen der Bevölkerungsstärke und -zusammensetzung. Denn seit 1991 hat sich die Zahl der Kinder halbiert. 1999 lebten in den neuen Bundesländern nur noch 540.000 Kinder unter 6 Jahren, das sind 58,3% weniger als 1991. Welche gravierenden Auswirkungen sich vor allen in den Städten abzeichnen, zeigt das Beispiel von Rostock. Wurden dort vor der Wiedervereinigung noch jährlich 3.000 Kinder und mehr eingeschult, so werden in diesem Jahr nur noch 912 ABC-Schützen erstmals die Schulbank drücken. In ganz Mecklenburg-Vorpommern besuchen nur noch 23.000 Kinder die fünfte Klasse der allgemeinbildenden Schulen. In vier Jahren - wenn die heutigen ABC-Schützen die fünfte Klasse erreichen - werden es nur noch 11.000 sein. Auch die Zahl der 60.000 Oberschüler wird sich in dieser Zeit halbieren. Und von den noch bestehenden 35 Berufsschulen im Lande, will die Landesregierung 22 wegen Schülermangels schließen. Eine wesentliche Ursache der massenhaften Abwanderung ist die systematische Nutzung des Arbeitskräftepotentials durch im Westen ansässige Konzerne. Allein im letzten Jahr vermittelten die Arbeitsämter 40.000 "hochqualifizierte Fachkräfte" in den Westen und finanzierten zum Teil den Umzug. Hinzu kommt ein wachsendes Heer von Ost-West Pendlern. In Sachsen-Anhalt betrifft dies mittlerweile jeden zehnten Werktätigen. Von Konzernen und Bundesregierung wird diese Entwicklung aktiv gefördert. Die Bundesanstalt für Arbeit verdoppelte im letzten Jahr die "Mobilitätshilfen" für Ost-West-Pendler auf 54,8 Millionen DM. Arbeitsämter wie in München und Magdeburg sowie im südbayerischen Freising und ostsächsischen Bautzen bilden "Arbeitsmarkt-Kooperationen mit neuer Qualität" zum schnellen und flexiblen Einsatz der Reservearmee. So finanziert das Arbeitsamt Freising unter anderem einen "Shuttle-Dienst" für wöchentliche Familienheimfahrten, und das Arbeitsamt Bautzen "Erkundungstouren" für die Suche von Arbeits- und Lehrstellen in Freisingen. Während die Zahl der Erwerbstätigen in den neuen Bundesländern weiter sinkt (1999 um 56.000) und die Zahl der Langzeitarbeitslosen ständig steigt (1999 um 20.000 auf insgesamt 562.545), heucheln Unternehmerverbände, Bundesregierung und Gewerkschaftsführer im "Bündnis für Arbeit" nach 10 Jahren des gescheitertem Aufbau Ost weiterhin ihre Fürsorge für die Jugend: "Die Bündnispartner betonen die Notwendigkeit, in den neuen Ländern ausreichend Arbeits- und Ausbildungsplätze zu schaffen, damit die arbeitslosen Jugendlichen dort eine berufliche Perspektive erhalten." Doch statt den Jugendlichen tatsächlich Lehrstellen und Arbeitsplätze in den neuen Bundesländern zu bieten, will das "Bündnis" sie mit einem neuen "Mobilitätstopf" abspeisen: "Die Bündnispartner sehen angesichts der verschlechterten Arbeitsmarktlage von Jugendlichen in den neuen Ländern aber unter anderem eine Chance darin, arbeitslose Jugendliche auf unbesetzte Arbeitsplätze in anderen Bundesländern zu vermitteln." Quelle: Statistisches Bundesamt 5.7. und 2.8.00, Bundesanstalt für Arbeit "Arbeitsmarktstatistik" 1999, Sozialpolitische Umschau 5.7. und 17.7.00, ND 31.7. und 1.8.00, FAZ 1.8.00, sz 2.8.00, WA 19/2000 © GSA e.V., Nachdruck mit Quellenangabe frei
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