12.7.2000
Woche aktuell 28/2000
Die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes
Am 26.6.2000 gaben Wissenschaftler des "Human Genom Projektes" bekannt, dass 85% des menschlichen Genoms analysiert sind, ein Fünftel davon mit einer Genauigkeit von 99,99%. Das "Human Genom Projekt" wurde 1990 von der "Human Genom Organisation" (HUGO) ins Leben gerufen, einem internationalen Konsortium von 25 Forschungszentren. Es stellt täglich seine Forschungsergebnisse frei verfügbar ins Internet (www.dhgp.de). Das "Human Genom Projekt" hat das Ziel, die exakte Abfolge der etwa 3 Milliarden Bausteine des menschlichen Erbmaterials (Genom) zu entschlüsseln und jedes darin enthaltene Gen zu identifizieren.
Im April 2000 meldete bereits die US-Firma Celera Genomics, sie habe 99% des menschlichen Erbgutes entschlüsselt. Während die Forscher des Projektes HUGO bereits 1990 begonnen hatten, startete Celera Genomics erst 1999. Der Konkurrenzkampf, an dem sich inzwischen weitere Firmen beteiligen, zielt auf die Beherrschung eines Genmarktes, der Lizenzeinnahmen in Milliardenhöhe aus der Produktion von Medikamenten verspricht. Celera hat bereits 6500 Patentanträge gestellt. Auch die Forscher des HUGO-Konsortiums sind eng verflochten mit Gentechnik-Firmen: die GSF (Gesellschaft für Umweltforschung, Neuherberg) kooperiert mit über 100 Firmen, hat selbst 10 Firmen in Neuherberg mitgegründet. Ein zweites Ziel des Konkurrenzkampfes ist die Verfügungsgewalt über die entschlüsselten Gene für ihre weitergehende Erforschung.
Auch die Forschungsmethoden werden von diesen Profitinteressen diktiert. Um ein Gen patentieren zu können, reicht meist eine ungefähre Beschreibung seiner isolierten vermutlichen Funktion. Mögliche Zusammenhänge bzw. die Anordnung der Gene auf einem Chromosom bleiben insbesondere bei der Methode von Celera außer Betracht. Außen vor bleiben (auch bei HUGO) die restlichen 80% der DNS, die keine Gene sind, aber nach der Ansicht vieler Forscher entscheidende Bedeutung für die Funktion der Gene haben. Die HUGO-Wissenschaftler bezeichnen ihr bisheriges Ergebnis als "Arbeitsversion". Es ist lediglich die Reihenfolge der vier Basen A, T, C, G - also eines Teils der DNS - entziffert. Das ist so, als hätte man zwar die meisten Wörter eines unbekannten Buches identifiziert, aber weder deren einzelne Bedeutung noch deren Gesamtzusammenhang entschlüsselt.
Die Wissenschaft steht erst am Anfang, zu verstehen, wie Gene in Wechselwirkung mit anderen Bausteinen der Erbmasse und der gesamten Zelle den Eiweissstoffwechsel und damit das Funktionieren des menschlichen Organismus bestimmen. Die bisherigen Schätzungen über die Anzahl der Gene (siehe Kasten) wurden in letzter Zeit nach unten korrigiert wurden. Denn bei der Gen-Analyse der DNS ist oft nicht klar, wo ein Gen genau beginnt und wo es aufhört. Nur ein geringer Teil (5 - 10%) der DNS ist eine Bauanleitung für Proteine, die Bedeutung des "Restes" liegt noch weitgehend im Dunkeln. In den USA werden bereits Gentests teuer verkauft, mit denen Frauen angeblich ihr Brustkrebsrisiko bestimmen können. Es ist aber inzwischen epidemiologisch nachgewiesen, dass diese Tests keine Aussagekraft haben. Bis auf sogenannte monogene Erbkrankheiten, von denen nicht mal 1% der Bevölkerung betroffen sind, haben einzelne Gene an Krankheiten wie Krebs, Alzheimer, aber auch für die Lebenserwartung nur einen untergeordneten Anteil. Offensichtlich haben nur wenige Gene eng umrissene Funktionen im Stoffwechsel. Ihre Funktion scheint abhängig zu sein von Wechselwirkungen mit anderen Genen, anderen Bestandteilen der Erbmasse und auch der "Umwelt". Jede Zelle enthält die komplette Erbinformation, produziert aber je nach ihrer Funktion ganz unterschiedliche Proteine. Zwei beliebige Menschen stimmen in ihrem genetischen Bauplan zu 99,9 % überein, und sind dennoch sehr verschieden.
Für die Überwindung von Krankheiten, die Nahrungsmittelproduktion, die Bekämpfung von Umweltschäden und viele andere Bedürfnisse des menschlichen Lebens birgt die Genforschung ungeahnte Möglichkeiten. Ihre Nutzung im Interesse der Menschen erfordert allerdings auch gesellschaftliche Verhältnisse, in denen deren Bedürfnisse und nicht die Profitinteressen einiger Monopole im Mittelpunkt stehen.
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Das Genom |
Quellen: KstA, 30.6.2000, www.sueddeutsche.de/wissenschaft/hugo-serie
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