10.5.2000
Woche aktuell 19/2000
Zunehmende Zahl der Berufspendler und Betriebswechsler
Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach Arbeit gezwungen, weite Fahrwege in Kauf zu nehmen. Wie selbstverständlich verlangen die Unternehmer heute die Bereitschaft zur möglichst grenzenlosen "Mobilität". Diese Entwicklung greift tief in die Lebensverhältnisse vieler Familien ein. Sie ist eine von mehreren Bedingungen, die zur wachsenden Zerrüttung von Ehen, zum Rückgang der Kinderzahlen oder zur Zunahme von Single-Lebensformen führen. Sie erschwert für die Betroffenen die Reproduktion ihrer eigenen Arbeitskraft, da die langen Fahrzeiten nur äußerst eingeschränkt dafür genutzt werden können, meistens sogar zusätzlichen Streß bedeuten.
15 Millionen Deutsche sind inzwischen Berufspendler. Unter diesen Begriff fallen alle Menschen, die vom Wohnort zur Arbeit in eine andere Gemeinde fahren müssen. 13 Millionen nutzen dafür das Auto. Bei den meisten geht es um relativ kürzere Strecken. 13 Prozent bzw. rund 2 Millionen Menschen sind täglich weiter als 25 Kilometer unterwegs.
Die Pendlerströme haben in den neunziger Jahren bundesweit um 30 Prozent zugenommen. Auf der Suche nach Arbeitsplätzen verlassen insbesondere die Beschäftigten der neuen Bundesländer ihren Heimatort. Oft überschreiten sie sogar die Grenzen ihres Bundeslandes. In Sachsen-Anhalt betrifft dies mittlerweile 10 Prozent der Beschäftigten.
In Nordrhein-Westfalen sind die Pendler-Hochburgen Köln und Düsseldorf. Nach Köln kommen täglich 168.000 Menschen zur Arbeit, nach Düsseldorf 190.000. Von den Kölnern arbeiten aber "nur" 66.000 und von den Düsseldorfern 47.000 auswärts. Nach Köln kommen zahlreiche Beschäftigte aus den umliegenden Kreisen (52 Prozent), aber auch aus ganz Nordrhein-Westfalen (34 Prozent). Eine Untersuchung der Entwicklung in den rechtsrheinischen Kölner Stadtteilen Mülheim und Kalk verdeutlicht den direkten Zusammenhang zwischen der Zunahme dieser Zahlen und dem Kahlschlag der Industriearbeitsplätze, der hier in den letzten Jahren und Jahrzehnten stattgefunden hat. In beiden Stadtteilen ging die Beschäftigtenzahl von 1990 bis 1998 um 24,5 Prozent zurück. Im gleichen Zeitraum verringerte sich allerdings nicht nur die Zahl der Arbeitsplätze. In der Folge reduzierte sich auch der Anteil der in diesen Stadtteilen lebenden Beschäftigten um mehr als ein Drittel. Das heißt, viele Menschen zogen fort, um woanders Arbeit zu finden. Nicht einmal die Hälfte der 23.823 Beschäftigten, die seit 1990 zusätzlich nach Köln zum Arbeiten kommen, stammt aus dem Regierungsbezirk. 6.760 Beschäftigte kommen sogar von außerhalb des Landes NRW. Verglichen mit Frankfurt/Main liegt Köln aber noch am "unteren Rand des Spektrums". Dort arbeiten gerade mal 174.000 Einwohner in der eigenen Stadt, 435.000 kommen täglich von außerhalb.
Eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung belegt, daß es keineswegs die geringe Bereitschaft zur "Mobilität" ist, die an der Arbeitslosigkeit vieler Menschen schuld ist. Vielmehr ist vorhergehende Arbeitslosigkeit einer der Hauptgründe, warum Berufstätige immer längere Fahrzeiten in Kauf nehmen. Bereits 1985 mußten vielmehr 71 Prozent aller Arbeitslosen, die wieder ins Berufsleben eintraten, ihren Beruf, ihren Betrieb oder sogar beides wechseln. Dieser Anteil nahm bis 1995 konstant auf 77 Prozent zu. Ein großer Teil der Arbeitslosen ist demnach bei einer Rückkehr ins Erwerbsleben zu erheblichen Zugeständnissen im Hinblick auf Berufs- und Betriebswechsel gezwungen. Der Anteil regionaler Betriebswechsel nach Arbeitslosigkeit nahm von 20,8 Prozent 1982 auf 22,7 Prozent 1990 und 26,0 Prozent 1995 zu. Ebenso nimmt mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit der Anteil der regionalen Wechsel beim Wiedereintritt in einen Beruf zu. Dieser liegt bei kurzfristig Arbeitslosen bei 17,7 Prozent und bei Langzeitarbeitslosen bei 23,7 Prozent. Es zeigt sich, daß es für alle Gruppen der Arbeitslosen zunehmend schwieriger wurde, in der eigenen Arbeitsmarktregion Arbeit zu finden. Einem noch größeren Teil der Arbeitslosen gelang es trotz dieser Bereitschaft aufgrund der wenigen Arbeitsplätze jedoch nicht, eine neue Stelle zu finden.
|
Regionaler Mobilitätsanteil |
1982 |
1990 |
1995 |
|
bis 3 Monate Dauer der Arbeitslosigkeit |
17,7% |
22,6% |
26,2% |
|
3 bis 6 Monate Dauer der Arbeitslosigkeit |
19,6% |
23,2% |
26,2% |
|
6 bis 12 Monate Dauer der Arbeitslosigkeit |
23,8% |
22,2% |
25,4% |
|
mehr als 12 Monate Dauer der Arbeitslosigkeit |
23,7% |
23,3% |
26,6% |
Quelle: KStA 11.3.2000, IAB-Kurzberichte Nr. 2/1999 und Nr. 4/2000
© GSA e.V., Nachdruck mit Quellenangabe frei