3.5.2000

Woche aktuell 18/2000

Armut in Nordrhein-Westfalen

In einer Broschüre der SPD zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen heißt es vielversprechend:

"Alle Menschen müssen am gesellschaftlichen Leben und gemeinsam erarbeiteten Wohlstand teilnehmen können. Ausgrenzung oder dauerhafte Benachteiligung nehmen wir nicht hin. (...) Das Land muß dort verläßliche Unterstützung bieten, wo Menschen sich nicht selbst helfen können. (...) In NRW steht 'Politik für Familien' ganz vorn an." Wie es damit in der Realität aussieht, dokumentiert der Bericht "Armut in Nordrhein-Westfalen" des "Zentrums für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung":
Das Land Nordrhein-Westfalen hatte Mitte der neunziger Jahre mit 11,4 Prozent die vierthöchste Armutsquote (Bevölkerungsanteil der Menschen, die unterhalb der offiziellen Armutsgrenze leben) aller westlichen Bundesländer. Im Dezember 1997 lebte hier nahezu jeder vierte Sozialhilfebezieher in Deutschland. Insgesamt 695.116 Menschen waren davon betroffen. Neuere statistische Jahresdaten liegen noch nicht vor.
Damit setzte sich in NRW in den neunziger Jahren wie auch in ganz Deutschland der drastische Anstieg der Sozialhilfeempfänger fort. Mittlerweile leben etwa zweieinhalb mal so viele Personen von Sozialhilfe wie Anfang der achtziger Jahre. Trotz der erheblichen Verringerung des in der Sozialhilfe erfaßten Personenkreises durch die Herausnahme der Asylbewerber im Jahr 1994 lag die Zahl der registrierten Personen 1997 um ca. 15 Prozent über dem Wert von 1990. Von 1995 bis 1997 wuchs sie jährlich um mehr als 5 Prozent.
Besonders von Armut betroffen sind Kinder und Jugendliche, kinderreiche Familien, alleinerziehende und ältere Frauen sowie Menschen anderer Nationalität.
Nahezu jede dritte Person unterhalb der Armutsschwelle (32,6 Prozent) ist unter 15 Jahre, sogar jede zweite Person unter 25 alt. 262.000 bzw. 38 Prozent aller Sozialhilfeempfänger waren noch keine 18 Jahre alt. Pro Altersjahrgang waren bei den bis zu 10-jährigen Kindern jeweils ca. 16.000 Mädchen und Jungen sozialhilfeabhängig. Ehepaare mit Kindern unterliegen über alle Phasen der Kindererziehung einem wesentlich höheren Armutsrisiko als kinderlose Paare. Da dies meist am Wegfall des eigenständigen Einkommens der Frauen liegt, gehen viele ab einem bestimmten Alter der Kinder wieder arbeiten. Das zusätzliche Einkommen wird aber meist durch die mit dem Wachstum der Kinder steigenden Ausgaben wieder aufgebraucht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis:
"Die Armut der sogenannten 'vollständigen' Familien ist einerseits Ergebnis eines unzureichenden Familienlastenausgleichs, andererseits Ausdruck einer besonders für Frauen nach wie vor schwierigen Vereinbarkeit von Familien- und Berufstätigkeit. Besonders häufig sind jene Familien von Armut betroffen, die dem immer noch vorherrschenden Leitbild der sogenannten 'Normalfamilie' entsprechen ..."
39,5 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben in Haushalten von 5 und mehr Personen. Bei Ehepaaren mit Kindern steigt ab dem dritten Kind das Armutsrisiko erheblich. Jede dritte Familie (33,4 Prozent) lebt hier von einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Denn zu den höheren Haushaltsausgaben kommt spätestens jetzt, daß die Frauen ihre eigene Erwerbstätigkeit aufgeben müssen. Bei Familien mit 4 oder mehr minderjährigen Kindern befindet sich mehr als die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze. 14,9 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben in alleinerziehenden Haushalten. Am höchsten ist die Armutsqote bei den alleinerziehenden Frauen zwischen 30 und 39 Jahren. Dabei gehen nahezu 30 Prozent der Alleinerziehenden einer Arbeit nach oder suchen Arbeit - und dies, obwohl fast die Hälfte der Kinder in diesen Haushalten unter 7 Jahre alt und damit auf Betreuung angewiesen ist.
Von den 2 Millionen Armen in NRW sind 53,4 Prozent Frauen. Dabei sind es Frauen im Alter zwischen 35 und 39 Jahren, die mit 13,6 Prozent die höchsten Armutsquoten aufweisen (gegenüber 9,4 Prozent bei den Männern). 58 Prozent aller Sozialhilfeempfänger sind Frauen. Während bei den Männern das Armutsrisiko im Alter weiter fällt, steigt es bei den Frauen ab dem Alter von 65 Jahren wieder an. Dabei gaben 55,2 Prozent dieser Frauen an, daß sie eigene Rente beziehen. Diese reicht jedoch hinten und vorne nicht zu Leben und muß oft mit Sozialhilfe aufgestockt werden.
Mehr als jeder Dritte (35,2 Prozent) der von Armut Betroffenen hat eine nichtdeutsche Nationalität. In NRW leben 687.000 der insgesamt 1,9 Millionen Migranten (35,8 Prozent) unterhalb der Armutsgrenze.
Die höchsten Armutsquoten gibt es regional in den Großstädten mit über 500.000 Einwohnern (13,1 Prozent der Bevölkerung) und zwischen 100.000 und 500.000 Einwohnern (12,2 Prozent).

Quelle: "Armut in NRW", Zentrum für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung

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