26.4.2000

Woche aktuell 17/2000

Wachsende Unterbeschäftigung und Flexibilisierung

Mit einem Rückgang der Arbeitslosen um eine halbe Million rechnet der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Jagoda, in den nächsten zwei Jahren. Nach einer unvollständigen Erfassung der GSA wurde jedoch allein in den ersten 3 Monaten dieses Jahres die Vernichtung weiterer 200.000 Arbeitsplätze in Deutschland angekündigt. Offensichtlich wird der Rückgang der offiziellen Arbeitslosenzahlen vor allem von einer beschleunigten Ausdehnung der Unterbeschäftigung erhofft, wie sie bereits in den letzten Jahren stattfand:

Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten mit einer Arbeitszeit unter der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit und über der "Geringfügigkeitsgrenze" von 15 Stunden stieg von 1,6 Millionen im Jahr 1980 auf 3,9 Millionen im Dezember 1999. Der Anteil der Frauen lag bei 3,4 Millionen bzw. 87,2 Prozent. 1997 betrug die durchschnittliche Arbeitszeit der Frauen dabei im Westen 19,3 Wochenstunden, die der Männer 26,1 Stunden. Im Osten arbeiteten die Frauen mit 23,5 Wochenstunden durchschnittlich etwas länger als die Männer mit 21 Stunden.

Die Zahl der ausschließlich "geringfügig Beschäftigten", also der Teilzeitbeschäftigten mit einer Arbeitszeit von höchstens 15 Wochenstunden und einem Monatsverdienst bis 630 DM, lag Ende 1999 in ganz Deutschland bei 4,7 Millionen. 1992 waren es noch rund 3 Millionen. Der Anteil der Frauen an diesen Beschäftigten lag Ende 1999 bei 3,1 Millionen, also bei 65 Prozent. 33 Prozent aller geringfügig Beschäftigten ar-

Entwicklung der Unter-

1987 (West)

1992

1997

Dezember 1999

beschäftigung:

insg.

Frauen

insg.

Frauen

insg.

Frauen

insg.

Frauen

Teilzeitbeschäftigte

2.235.416

92,8 %

2.679.500

92,2 %

3.628.599

89,6 %

3.913.511

87,2 %

Ausschl. geringf. Beschäftigte

2.284.000

59,8 %

2.979.000

67,6 %

4.211.000

63,2 %

4.700.000

66,0 %

Gesamte Unterbeschäftigung

4.519.416

85,3 %

5.658.500

79,3 %

7.839.599

75,4 %

8.613.511

75,6 %

beiten weniger als 6 Wochenstunden, 36 Prozent zwischen 6 und 10 Stunden und weitere 21 Prozent zwischen 10 und 15 Stunden. 10 Prozent arbeiten länger als die zulässigen 15 Stunden. Die Nettostundenlöhne von 21 Prozent der ausschließlich geringfügig Beschäftigten betrugen unter 10 DM, von weiteren 76 Prozent zwischen 10 und 20 DM, und nur von 3 Prozent über 20 DM.

Die Zahl der Unterbeschäftigten insgesamt beträgt damit bereits 23,6 Prozent der Erwerbstätigen. Entgegen der Behauptung, Teilzeitbeschäftigung würde von immer mehr Menschen gewünscht, wollen 47 Prozent der geringfügig Beschäftigten in Westdeutschland und 59 Prozent in Ostdeutschland lieber länger arbeiten. Bei den Teilzeitbeschäftigten sind es im Westen 24 Prozent und im Osten 49 Prozent.

Die Unterbeschäftigung geht mit einer Zunahme der Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen einher:

  • Stand 1989 bereits nur ein Viertel aller abhängig Beschäftigten (24 Prozent) in einem sogenannten "Normalarbeitsverhältnis", war es 1995 sogar nur noch ein Fünftel (19 Prozent). "Normalarbeitsverhältnis" wird dabei definiert als "dauerhafte Vollzeitbeschäftigung mit einer gleichmäßigen, nicht variierenden Verteilung der Arbeitszeit tagsüber von Montag bis Freitag".
  • Im April 1997 arbeitete fast die Hälfte aller Erwerbstätigen wenigstens gelegentlich am Wochenende, an Feiertagen, abends oder nachts im Schichtbetrieb. Fast jeder vierte Erwerbstätige (23 Prozent) arbeitete ständig oder regelmäßig am Samstag, knapp jeder fünfte (18 Prozent) abends, jeder zehnte (11 Prozent) sonn- und feiertags und ebenfalls jeder zehnte (11 Prozent) in Schichten mit wechselnden Arbeitszeiten. 18 Prozent aller abhängig Beschäftigten waren 1999 bereits von Schichtarbeit betroffen.
  • 1999 arbeiteten 38 Prozent der Beschäftigten im Westen und 32 Prozent im Osten mit Arbeitszeitkonten.
  • Im April 1999 hatten 2,8 Millionen abhängig Beschäftigte (9 Prozent) einen befristeten Arbeitsvertrag. 1991 waren dies noch 2,4 Millionen (8 Prozent). Der Anteil der Männer und Frauen ist dabei fast gleich. Am häufigsten haben Berufsanfänger befristete Arbeitsverträge und werden so gegen die älteren Kollegen ausgespielt. 1999 betrug der Anteil der unter 30-jährigen 21 Prozent.
  • Die Zahl der von den Arbeitsämtern registrierten Leiharbeiter nahm von 140.579 im Jahr 1992 (davon 19,6 Prozent Frauen) auf über 290.000 im Jahr 1999 (davon rund 20 Prozent Frauen) zu.
  • Dazu kommt eine wachsende Zahl von Scheinselbständigen, die bis jetzt noch nirgends erfaßt wird.

Quellen: Bundesanstalt für Arbeit; ISG-Studie; Stat. Bundesamt; IGM-direkt 3/2000

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