19.4.2000

Woche aktuell 16/2000

Neue Aufgaben der Bundeswehr

Am 23. Mai wird die Studie "Bundeswehr 2010" der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie wurde im letzten Jahr von Verteidigungsminister Scharping in Auftrag gegeben und bestimmt die neuen Aufgaben und Strukturen, die sich aus dem künftigen Einsatz der Bundeswehr als "Krisenreaktionskräfte" ergeben. Darüber ist auch bereits eine Debatte pro und contra Wehrpflicht entbrannt. Wir dokumentieren Auszüge aus einem Artikel von Lothar Rühl in der Frankfurter Allgemeinen über die Diskussion, die auch in den USA und anderen Nato-Ländern geführt wird. Sie zeigt, daß der künftige Einsatz sich hauptsächlich gegen internationale Aufstände und Befreiungskämpfe richten wird:

"Soldaten in Einsatzverbänden werden mehr denn je zuvor Elitekämpfer, Truppen Elitekorps sein müssen, wenn sie die ihnen für die Zukunft zugedachten Aufgaben - gerade in den Grauzonen zwischen Krise und Krieg - erfüllen sollen. Robustheit und Ausdauer sind wenigstens so wichtig wie Info-Helme mit Nachtsichtbrille und Restlichtsammlung, Datenanschluss und Konferenz-Terminal mit Fernsehübertragung. (...)

Gerade wenn man annimmt, dass künftig innerstaatliche Repressions- und Sezessionskriege (Tschetschenien, Bosnien, Kosovo), Bürgerkriege und größere Bandenkriege längerer Dauer (Libanon, Afghanistan, Somalia, wiederum Bosnien und ein Dutzend afrikanischer, ein halbes Dutzend asiatischer) die häufigsten Konflikte sein werden, liegt das militärische Problem weniger in massiver Feindeinwirkung mit schweren Waffen zur Kriegsentscheidung durch Eroberung. Vielmehr sind dann neue, kleinere Einsatzverbände nötig als die 13 000 bis 15 000 Soldaten starken Divisionen, die in den amerikanischen Streitkräften bis 2020 unverändert bleiben sollen. Immerhin werden zwei neue Brigade-Typen entworfen, um leichtere und beweglichere Kampfverbände verfügbar zu machen. Wenn es in den meisten Fällen um den Erfolg schneller punktueller Interventionen zur Löschung von Brandherden geht, also um die Entwaffnung und Zerschlagung von Kampftruppen geringeren Umfangs (mit Unterstützung aus dem Untergrund und in Teilen der Bevölkerung), werden andere Verbände und Waffen gebraucht als beispielsweise die Artilleriebataillone mit 24 Feldhaubitzen Kaliber 140 Millimeter, von denen die amerikanische Armee 800 Stück beschaffen will. Auch eine gepanzerte deutsche Brigade mit ihren schweren Waffen wird in solchen Einsatzfällen nicht unbedingt als Speerspitze des schnellen Eingreifens dienen können. Diese Truppen sind wesentlich für die konventionelle Verteidigung des Bündnisgebietes und eine Kriegführung wie am Golf 1991. Deshalb könnten sie auch nicht in Krisen beliebig auseinandergenommen und für andere Aufgaben umgerüstet werden. Die seit 1992 zutage getretenen Engpässe und Mängel der britischen und französischen Armeen wegen der Balkaneinsätze, von denen bisher nur einer, im Herbst 1995 für wenige Tage, ein kriegerischer gewesen ist, weisen auf das Problem.

Wenn nach amerikanischer Annahme in den Konflikten der Zukunft Truppen in besiedelten Gebieten, vor allem in mehr oder weniger aufgelockerten Stadtregionen eingesetzt werden müssten (wie dies für die Nato-Verteidigung in Mitteleuropa stets der Fall wäre), dann würde Infanterie als leicht gepanzerte schnelle Truppe mit Unterstützung durch Hubschrauber und Jagdbomber bei Rückhalt am Boden durch Panzer und bewegliche Artillerie in - notwendigerweise - begrenztem Umfang gebraucht. Dies bedeutet vor allem flexible Strukturen und bewegliche Logistik mit schnellen Transporten, Auftragstaktik für selbständige Kampfeinheiten und Dezentralisierung der Operationsführung. Auch in der Führungsaufgabe "command and control" wird eine Revolution stattfinden müssen."

[Fettierung durch GSA]

Quelle: FAZ 18.4.2000, S.10

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