22.3.2000

Woche aktuell 12/2000

Neues vom Urknall

Der schwedische Astronom Charlier (1862-1934) entwickelte Anfang des letzten Jahrhunderts die Thesen, dass die Himmelskörper sich von kleinen Systemen (Planet mit Monden, Stern mit Planeten) zu immer größeren (Galaxien, Systeme von Galaxien) gruppieren und dass das Weltall in Raum und Zeit ohne Anfang und Ende ist. Ende der 20er Jahre entstand dann die Urknalltheorie, Hauptträger waren der Physiker Pascual Jordan von der Berliner Universität und der Jesuitenpater Abbé Lemaitre. Jordan errechnete, dass das Universum aus einem mathematischen Punkt entstanden sei und sich seit einem Urknall ständig ausdehne. Das bedeutet auch, dass es einen Anfang und ein Ende hat. Die katholische Kirche wurde unter Papst Pius XII. ein Verfechter der Urknalltheorie, weil damit der dialektische Materialismus scheinbar widerlegt war, weil es doch einen Anfang, einen Schöpfungsakt gebe und ein Ende, vor und hinter denen das "Nichts" ist - also irgend etwas anderes als Materie. Diese Urknalltheorie ist heute noch das sogenannte "Standardmodell" der Astronomie.

Die Urknalltheorie ist jedoch durch neue Beobachtungen mehr und mehr in Schwierigkeiten geraten, insbesondere musste immer wieder der Urknallzeitpunkt vorverlegt werden, weil es gelang, immer fernere Galaxien und größere Systeme zu entdecken, die soweit entfernt und so groß eigentlich gar nicht existieren dürften. Man darf gespannt sein, wie lange angesichts nicht aufzuhaltender neuer Erkenntnisse sich die herrschende Meinung noch halten kann

"Seriöse" und Boulevardzeitungen berichteten kürzlich über ein Experiment aus dem "Europäischen Labor für Teilchenphysik" (CERN) bei Genf: "Gestern 8. Schöpfungstag" (Express 10.2.2000), "Dem Urknall auf die Pelle gerückt" (FR 12.2.2000), "Ein Zustand wie zehn Mikrosekunden nach dem Urknall" (sz 15.2.2000).

Die tatsächlichen Ergebnisse indes hören sich nüchterner an: "Diese Resultate aus sieben Experimenten der Schwerionen-Forschung bestätigen eine bedeutende Vorhersage der derzeitigen Theorie zu den fundamentalen Kräften zwischen Quarks. Wir haben nun den Beweis eines Materiezustandes, bei dem Quarks und Gluonen von einander entbunden sind." (CERN-Direktor Luciano Maiani nach Frankfurter Rundschau).

Elementarteilchen-Physiker sind auf der Suche nach den kleinsten Teilchen, aus denen die Materie aufgebaut sein soll, vor einigen Jahren auf die Existenz sogenannter Quarks gestoßen. Quarks konnten bisher jedoch noch in keinem Experiment isoliert beobachtet werden, nur in Form durch die "Klebeteilchen" Gluonen verbundener Bausteine größerer Teilchen. Die jetzigen Experimente bei CERN liefern Hinweise dafür, dass es gelungen ist, durch extrem hohe Energien ein Quark-Gluon-Plasma zu erzeugen, so Prof. Börner (Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching) in der Süddeutschen Zeitung.

Der amerikanische Physiker Steven Weinberg hat 1977 in seinem Buch "Die ersten drei Minuten" beschrieben, wie sich - nach den Gesetzen der Physik der Elementarteilchen - die ersten drei Minuten eines aus einem Urknall entstehenden Universums abgespielt haben könnten. Er sagt im Vorwort dieses Buches: "Was den Physiker begeistert, ist die Möglichkeit, die Dinge numerisch darstellen zu können, sagen zu können, dass die Temperatur, die Dichte und die chemische Zusammensetzung des Universums zu dem und dem Zeitpunkt die und die Werte hatten. Freilich haben wir darüber keine absolute Gewissheit, ...". Dass man berechnen kann, welchen Zustand Elementarteilchen unter extremen Drücken und Temperaturen haben und dies auch im Experiment nachvollziehen kann, ist aber überhaupt kein Beweis dafür, dass das Weltall aus einem Urknall, aus einen angeblich unendlich kleinen Punkt, in dem die gesamte Materie des Alls am Anfang komprimiert gewesen sein soll, entstanden ist. Hier werden experimentelle und theoretische Teilerkenntnisse willkürlich in ein idealistisches Schöpfungsbild gezwängt.

Nutzt man die Ergebnisse des CERN-Experimentes unvoreingenommen von idealistischen Theorien, so liefern diese evtl. Hinweise darauf, dass die Materie nicht nur in Form von Teilchen (mit einem materielosen Vakuum dazwischen) existiert, sondern dass man sich experimentell Übergängen zwischen Materie in kontinuierlicher Form und in Partikelform nähert.

Der weltanschauliche Kern der ganzen Diskussion ist: Die immer weiter fortschreitenden materialistischen Erkenntnisse über die Natur und die Gesellschaft liefern ständig neue Beweise, dass die Menschheit ihre Geschicke mit Hilfe einer dialektisch-materialistischen Weltanschauung erfolgreich in die eigene Hand nehmen und die bestehenden Verhältnisse ändern könnte, weil es eine nicht endende Weiter- und Höherentwicklung gibt. Dagegen versucht die bürgerliche Ideologie verzweifelt, einen Schöpfer sowie unsinnige Theorien zu verteidigen, um unter den Massen den Glauben an Grenzen der Erkenntnis und Entwicklung sowie an unumstößliche Autoritäten zu erhalten.

Zur Urknalltheorie ist das Buch "Ratlos vor der großen Mauer - Das Scheitern der Urknalltheorie" (Verlag Neuer Weg) zu empfehlen.

 

Analysen