15.3.2000 Woche aktuell 11/2000 Folgen der Aufhebung des Nachtarbeitsverbots für Frauen Fünf Jahre nach der Aufhebung des Nachtarbeitsverbotes für Frauen 1994 erschien im April letzten Jahres eine Studie über Folgen und Akzeptanz der Nachtarbeit (Verfasserinnen: Karen Spannhake und Gine Elsner vom Institut für Arbeitsmedizin an der Universität Frankfurt). Die Studie wurde in einem Automobilwerk und in fünf Automobilzulieferbetrieben in Thüringen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Niedersachsen durchgeführt. Gerade in der Elektro- sowie Automobil- und Zulieferindustrie nahm die Nachtarbeit von Frauen seit 1994 sprunghaft zu. In der DDR hatte es keine Einschränkung der Nachtarbeit für Frauen gegeben. Befragt wurden 405 Arbeiterinnen. Das Durchschnittsalter der befragten Frauen beträgt 39 Jahre. 80 Prozent arbeiten im Dreischichtbetrieb und 5 Prozent kontinuierlich nachts. 65 Prozent der Frauen in Nachtarbeit haben keine Kinder. In persönlichen Interviews nahmen elf Frauen mit Kindern zu Vor- und Nachteilen der Nachtarbeit Stellung. Für sie ist die zentrale Frage, wie sie trotz der Schichtarbeit Beruf und Familie vereinbaren können: "Ich komme morgens um 6.20 Uhr nach Hause, trinke Kaffee. Mein Mann geht um 6.30 Uhr aus dem Haus. Der Große steht alleine auf, den Kleinen wecke ich, den mache ich fertig für die Schule. Um 7.30 Uhr gehen sie aus dem Haus. Dann schlafe ich, bis sie aus der Schule kommen. Manchmal um zwölf, manchmal um 13.30 Uhr. Ich habe keine Probleme mit dem Einschlafen. Ich kann wunderbar schlafen. Haushalt und Schularbeiten kommen dann. Dann koche ich Abendessen. Daß ich fortgehe, das kommt aber eigentlich selten vor. Ich lege mich auch nochmal hin." Alle Freizeitaktivitäten wie Sport, Kino oder Treffen mit Freunden sind durch die Nachtschicht stark eingeschränkt. "Wenn man hier rauskommt, dann erstmal Dusche und Bett, und dann langtīs erstmal. Ich komme zu nichts mehr." Zwar geben die Frauen an, den Haushalt besser organisieren zu können. In der persönlichen Befragung wird aber zugleich deutlich, wie wenig die Frauen dabei von ihrem Tag haben. Eine Frau berichtet: "Ich geh um 7.30 Uhr ins Bett, wenn die Kinder in der Schule sind. Gegen 2 oder 3 Uhr nachmittags steht man auf, und dann brauchst du, bis du wieder ins Laufen kommst. Dann ist es 16 Uhr, bis du wieder so richtig munter bist, machst die Hausaufgaben mit den Kindern. Dann spielt mein Junge zweimal die Woche Fußball, da muß ich ihn hinbringen und wieder heimholen. Daheim hast du auch zu tun: einkaufen, putzen, Wäsche waschen. Das ist schon manchmal ganz schön eng ... . Bevor ich zur Arbeit gehe, brauche ich noch ein- bis eineinhalb Stunden, in denen ich relaxen kann, und das ist eben manchmal ganz schön eng." Knapp ein Drittel der Frauen bemerkt gesundheitliche Verschlechterungen. In einem Betrieb in Thüringen meinen 54 Prozent der Frauen, daß sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert habe. Neben Schlafstörungen leiden verschiedene Frauen unter Appetitlosigkeit. Keine der Frauen kann sich vorstellen, bis zur Rente nachts zu arbeiten. "Gerade von den Älteren, die so über 50 Jahre sind, hört man, daß die Wahnsinnsprobleme haben, tagsüber zu schlafen. Ich kenne welche, die schlafen zwei, drei Stunden." Die Verfasserinnen sind der Meinung, daß bei der Entscheidung für die Nachtschicht der Frauen "eine pragmatische Grundeinstellung zum Tragen kommt. Frauen entscheiden sich für die Nachtarbeit, weil die Arbeitsbedingungen, die auch am Tag monoton und stressig sind, nachts besser entlohnt werden. Die Hoffnung, gleichzeitig mehr Geld für die gleiche Arbeit zu bekommen und mehr Zeit für die Kinder zu haben, geht in vielen Fällen auf Kosten der Gesundheit, der sozialen Kontakte und der Freizeitaktivitäten." Schlußfolgerungen werden aus der Untersuchung allerdings nicht gezogen. Das Buch "Der Klassenkampf und der Kampf um die Befreiung der Frau" von Stefan Engel und Monika Gärtner qualifiziert die Steigerung der Ausbeutung der Frauen in den Betrieben als ein Merkmal der chronischen Krise der bürgerlichen Familienordnung: "Die Krise der bürgerlichen Familienordnung kennzeichnet die zunehmende Unfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaft, sich selbst zu reproduzieren, geschweige denn die grundlegenden Lebensbedürfnisse der Massen zu befriedigen. Sie dokumentiert das Aufbrechen antagonistischer Widersprüche in der Produktion und Reproduktion menschlichen Lebens unter kapitalistischen Bedingungen und ist chronisch geworden... Unterschiedliche und ständig wechselnde Arbeitszeiten, Schichtarbeit, Versetzung an entfernte Arbeits- und Ausbildungsorte stellen ein gemeinsames Familienleben mehr und mehr in Frage. Das verschärft die der bürgerlichen Familienordnung innewohnende gesetzmäßige Tendenz zur Familienlosigkeit der Arbeiterklasse." (S.113f) Quellen: "Nachtschichtarbeiterinnen beurteilen ihre Lebens- und Arbeitssituation", Herausgeber: IG Metall, Abteilung Sozialpolitik, April 1999; "Der Klassenkampf und der Kampf um die Befreiung der Frau", S. 113f © GSA e.V., Nachdruck mit Quellenangabe frei
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