26.1.2000

Woche aktuell 4/2000

Ehescheidungen nehmen weiter zu

Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes werden in den alten Bundesländern inzwischen etwa 38 % aller Ehen wieder geschieden. Die meisten davon bereits nach 5 bis 9 Jahren. In den neuen Bundesländern liegt die Scheidungsrate noch etwas niedriger bei knapp 30 %. Nachdem sie aber in den letzten Jahren der DDR schon bei 35 % gelegen hatte, nähert sie sich jetzt den westdeutschen Verhältnissen an. Während das Statistische Bundesamt trotz umfangreichen Zahlenmaterials kein Wort über die gesellschaftlichen Hintergründe verliert, sieht eine Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung über die Auswirkungen verkürzter und flexibler Arbeitszeiten von 1996 bis 1998 bei VW in Wolfsburg darin eine wesentliche Ursache. Die bis zu 150 verschiedenen Arbeitszeitmodelle hatten "Unzufriedenheit" und "Streß" zur Folge: "Die private Zeit (wurde) nur noch schwer planbar. (...) Familien und Vereine litten. (...) Wir haben ... viele Brüche des ... traditionellen Lebens in Wolfsburg festgestellt." Die Zahl der Ehescheidungen im Raum Wolfsburg stieg nach Aussagen des Betriebsrats stark an. Inzwischen wurde wieder das traditionelle Drei-Schichten-Modell eingeführt.

Ehen in Deutschland

Jahr

S c h e i d u n g e n
Anzahl
______________je 10.000 Ehen
Deutsch-
___________alte ________neue
land
______________Bundesländer

Ehe-
schliessungen

Ehe-
auflösungen
(1)

1960

73.418

35,7

k.A.

689.028

1970

103.927

50,9

63,9

575.233

1980

141.016

61,3

106,6

496.603

1990

154.786

81,1

78,4

516.388

527.134

1991

136.317

81,9

22,1

454.291

504.679

1992

135.010

79,7

25,1

453.428

494.163

1993

156.425

87,3

48,3

442.605

519.692

1994

166.052

90,6

59,4

440.244

524.068

1995

169.425

92,3

61,5

430.534

528.378

1996

175.550

95,2

65,8

427.297

531.975

1997

187.802

103,7

77,5

422.776

536.748

1998

192.416

105,7

85,7

417.420

537.543

(1) Durch Tod, Scheidung, Aufhebung oder Nichtigkeit der Ehe


Stefan Engel und Monika Gärtner gehen in ihrem vor einem Jahr erschienenen Buch "Der Klassenkampf und der Kampf um die Befreiung der Frau", Teil I auf den allgemeinen Zusammenhang zur Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft ein: "Die Krise der bürgerlichen Familienordnung kennzeichnet die zunehmende Unfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaft, sich selbst zu reproduzieren, geschweige denn die grundlegenden Lebensbedürfnisse der Massen zu befriedigen. Sie dokumentiert das Aufbrechen antagonistischer Widersprüche in der Produktion und Reproduktion menschlichen Lebens unter kapitalistischen Bedingungen und ist chronisch geworden. Die Arbeitskraft der Lohnarbeiter wird individuell verkauft und ausgebeutet. Der Einsatz der Familienmitglieder in unterschiedlichen Betrieben führt unter den Bedingungen von Lean Production und Flexibilisierung der Arbeitszeit zu einer wachsenden Individualisierung in den Familien. Unterschiedliche und ständig wechselnde Arbeitszeiten, Schichtarbeit, Versetzungen an entfernte Arbeits- und Ausbildungsorte stellen ein gemeinsames Familienleben mehr und mehr in Frage. Das verschärft die der bürgerlichen Familienordnung innewohnende gesetzmäßige Tendenz zur Familienlosigkeit in der Arbeiterklasse. (...) Die Krise der bürgerlichen Familienordnung untergräbt die Funktionsfähigkeit des kapitalistischen Systems und wird zu einem wesentlichen Faktor seiner fortschreitenden Destabilisierung. Sie ist ein Hauptmerkmal der Allgemeinen Krise des Kapitalismus geworden."

Ehescheidungen nach der Ehedauer

1998

1997

Ehedauer in Jahren

Deutschland

alte Länder

neue Länder

Deutschland

alte Länder

neue Länder

0 - 4

26.800

24.874

1.926

26.728

24.980

1.748

5 - 9

60.455

52.813

7.642

61.662

53.274

8.388

10 - 14

41.890

33.131

8.759

39.436

31.913

7.523

15 - 19

26.001

21.090

4.911

24.011

19.811

4.200

20 - 25

19.879

16.135

3.744

19.424

16.343

3.081

0 - 25

175.025

148.043

26.982

171.261

146.321

24.940

ab 26

17.391

15.343

2.048

16.541

14.944

1.597

Gesamt

192.416

163.386

29.030

187.802

161.265

26.537


Quellen: Wirtschaft und Statistik 12/99; sz 20.12.99; "Der Klassenkampf und der Kampf um die Befreiung der Frau", Teil I, S. 113 - 118

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